Predigt zum Sonntag Judika, 29.3.2020

Im Dienst anderer

Markus 10

42 Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. 43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Liebe Leserinnen und Leser,

in diesen Tagen erreichen uns immer wieder Bilder und Berichte von Menschen, die sich mit aller Hingabe ihrem Dienst widmen: Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Krankenpfleger, Pflegerinnen und Pfleger in den Altenheimen. Sie setzen sich tagtäglich jenseits als normal zu bezeichneten Arbeitszeiten für die vom Coronavirus Infizierten und Erkrankten ein. Sie gehen dabei ein hohes Risiko ein, nehmen in Kauf, selbst angesteckt zu werden und wohlmöglich zu erkranken. Sie tun dies wie viele andere in den Krankenhäusern und Altenheimen, die alle dazu beitragen, dass die Arbeit erfolgreich und professionell abläuft.

Gleiches gilt für jene die in den Arztpraxen vermehrt mit Patienten zu tun haben, die aus Sorge um ihre Gesundheit, auch ohne Symptome zu haben, lieber sicher gehen wollen. Nie wissen sie wirklich, ob nicht ein Infizierter zu ihnen kommt.

Nicht zu vergessen sind die Menschen, die in öffentlichen Ämtern und Funktionen viel für das Gemeinwohl leisten, ob bei der Polizei und Feuerwehr, oder beim Ordnungsamt und an manch anderen Stellen.

Für uns im pastoralen oder gemeindlichen Dienst ist Gefahr, wenn ich sie so nennen darf, überschaubarer geworden. Das Gemeindeleben ist zum Stillstand gekommen, jedenfalls in den bisher gewohnten Formen und vor allem im direkten Kontakt zu Gemeindegliedern, die diesen wertschätzen und für sich suchen.

Für viele von uns lauert die Gefahr außerhalb der eigenen vier Wände vor allem beim Einkauf. Diese scheint hier eingrenzbar, wenn wir uns an besagte Verhaltensvorschriften halten.

Bei den Mächtigen zu sitzen, mag auch in diesen Tagen verlockend sein, ist aber keine Garantie auf bleibende Gesundheit. Vielleicht kann der eine oder andere von ihnen zumindest finanziell entspannter in die Zukunft schauen. Aber auch sie sind letztlich, wie die vergangenen Tage gezeigt haben, vor dem Virus nicht sicher.

Verwunderlich erscheint aus meiner Sicht derzeit so mancher Systemstreit zwischen den Welten. Da werden Verursacher des Virus ausgemacht. An gegenseitigen Beschuldigungen fehlt es nicht. Da wird an nationalistische Pathos beschworen, so als wolle man zum Ausdruck bringen, dass eine Nation gar von dieser Pandemie verschont bleiben könnte.

Ich bin froh und dankbar über so manchen Experten, der uns täglich neu auf den Boden von Fakten und Tatsachen holt. Denn eines wird immer bedrohlicher: Mechanismen etablieren sich, die unsere Zivilgesellschaft in Frage stellen und damit an den Grundfesten unserer Gesellschaft rühren.

Es steht viel auf dem Spiel. Wir können nicht nur unser Leben verlieren. Dies wäre für uns und unsere Familie fürchterlich. Wir können Geld verlieren. Es gibt etwas, was zu verlieren für die Zukunft Europas und der Welt als Staatengemeinschaft katastrophale Folgen haben könnte. Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der am Ende die finanziell Stärkeren noch mehr über die Schwächeren herrschen können, als sie dies in der Tendenz immer schon konnten?

In manchen Landkreisen und Gemeinden herrscht der Ausnahmezustand. Verantwortliche haben sich zur Abriegelung ganzer Ortschaften entschieden. Aber einzelne Idioten, wie ich sie frei weg nennen möchte, oder schlimmer noch Schwachköpfe, Hornochsen oder Vollpfosten, wie Jugendliche dies vielleicht eher sagen würden, diese Trottel nehmen Schleichpfade, fahren in Nachbargemeinden zum Einkaufen und Besuchen gleich noch ein paar noch nicht Infizierte.

Übrigens Idiotes waren im alten Griechenland die Privatpersonen, die sich aus allen öffentlichen Ämtern heraushielten. Wollen wir so eine Gesellschaft, in der über Wochen und Monaten nur noch der Kampf um die eigene Existenz entbrennt?

In welchem Krankenhaus, bei welchem Arzt wollen wir uns in den kommenden Wochen behandeln lassen, wenn jeder wirklich nur an sich denkt, jede Sorge um das Gemeinwohl hinter sich lässt?

Ehrlich gesagt bin ich nicht sicher, ob ich selbst mein Leben als Lösegeld für viele geben möchte, ob ich’s wirklich könnte. Und doch weiß ich, dass auch ich meinen Beitrag leisten muss, damit unsere Leben nach der Coronakrise weiterhin lebenswert bleiben. Hier sind wir alle herausgefordert.

Und so pathetisch sich dies auch anhören mag: Die Lage ist zu einer nationalen Aufgabe, zu einer Aufgabe aller Menschen geworden. Wir können hier nicht leidenschaftlich genug sein.

Im zeitgenössischen Film würde dies etwa so heißen: „In euren Augen sehe ich jene Furcht, die auch mich verzagen ließe. Der Tag mag kommen, da der Mut der Menschen erlischt, da wir unsere Gefährten im Stich lassen und aller Freundschaft Bande bricht – […] doch dieser Tag ist noch fern, denn heute kämpfen wir!“ (Herr der Ringe)

Kämpfen wir dort, wo es an uns ist, ohne Waffen, aber mit Leidenschaft, mit großem Herzen, mit Demut vor den Fakten, mit aufopferungsvoller Hingabe und Liebe für ein Morgen, für unsere Zukunft und die unserer Nachkommen.

Gott sei mit uns! Amen.

Pfr. Thomas Reppich                                      

Predigt zum Sonntag Judika, 29.3.2020