Miteinander teilen

Im Laufe der letzten Wochen und Monate waren das flinke Streifenhörnchen Trixi und der von allen gefürchtete Wolf Lupo feste Freunde geworden. Von Lupo hieß es nun, er sei gar nicht so gefährlich. Er ginge sogar ab und an in die Streifenhörnchenschule. Es ging zudem das Gerücht, Lupo sei Vegetarier geworden, so dass nun wirklich keine Gefahr von ihm ausgehe könne.

Trixis Großvater musste kürzlich darüber sehr lachen: „Na schön und gut, wenn Lupo nun keine Gefahr mehr für uns ist. Aber, wenn er jetzt nur noch Gemüse frisst, was soll das für ein Wolf sein. Paah, das wäre so, als ob du Trixis beschließen würdest, nur noch Würmer zu picken, wie Alfred, die Amsel.“

Trixi mochte ihren Großvater sehr, denn er hatte ihr schon sehr viel im Leben beigebracht. Aber manchmal war er doch ein alter Sturkopf und hatte Auffassungen, die einfach nicht mehr in die Zeit passten. Warum konnte er sich nicht einfach daran erfreuen, dass Lupo ein anderer geworden war.

Auf dem Weg vom Waldkaufladen begegnete Trixi eines Tages ihrem Freund Lupo.

„Guten Tag, meine Liebe!“, begrüßte Lupo Trixi.

„Guten Tag Lupo, wie geht es dir?“, erwiderte Trixi Lupos Gruß.

„Sehr gut. Sag mal, was hast du denn da in deiner schweren Tasche?!“

„Ich war eben noch Einkaufen im Waldkaufladen.“

„So, so. Und was hast du eingekauft.“

„Einen großen Sack voller Bucheckern und Eicheln.“

„Aber, warum denn das… Sind bei euch alle krank und können nicht selbst im Wald suchen? Ich finden den Waldkaufladen sowieso eine komische Erfindung.“

„Lupo, darüber möchte ich heute nicht wieder mit dir diskutieren. Ich habe es eilig. Nur so viel: Bei uns sind alle gesund!“

„Aber warum schleppst du dich dann mit so einem Sack ab?!“

Trixi schüttelte den Kopf.

„Lupo, du bist wirklich manchmal ein ignorantes Wesen.“

Jetzt verzog Lupo das Gesicht und guckte sie ganz traurig. Er war im Begriff umzukehren und Trixi einfach stehen zu lassen. So etwas musste es sich doch nicht gefallen lassen.

„Lupo, entschuldige, ich habe es nicht so gemeint. Schau, du hast doch sicher davon gehört, dass es im Nachbarwald einen großen Brand gegeben hat. Nun kommen täglich einige Streifenhörnchenfamilien zu uns. Sie haben nichts mehr… und vor allem großen Hunger.“

Lupo runzelte seine Stirn.

„Mir ist schon aufgefallen, dass ihr Streifenhörnchen mehr geworden seid“, nickte Lupo verständnisvoll.

„Siehst du… und darum war ich heute einkaufen.“

Lupo wurde nachdenklich.

„Aber, wo soll das denn noch hinführen. Es können doch nicht immer mehr Streifenhörnchen zu uns kommen. Es wird auf Dauer nicht für alle reichen… es sei denn, ich stelle meine Essgewohnheiten wieder um. Mmhh mir läuft beim Gedanken daran das Wasser im Munde zusammen.“

„Lupo, lass das… das ist wirklich nicht lustig. Die Familien, die zu uns kommen, können doch nichts dafür, dass es bei ihnen gebrannt hat. Und ich habe gehört, es waren skrupellose Streifenhörnchen, die selbst den Brand gelegt haben, weil jemand ihnen viel für den Wald angeboten hat.“

„Das wusste ich nicht.“

Lupo wurde mit einem Mal ganz kleinlaut.

„Im Übrigen, du warst doch in der letzten Religionsstunde?!“

„War ich… und?!“

„Kannst du dich nicht erinnern?“

„An was?!“

„An das, was wir über das Teilen gelernt haben!“

Lupo wirkte nachdenklich, versuchte sich offensichtlich zu erinnern, schüttelte dann aber den Kopf.

„Nun, ich will es dir nochmals erzählen. Unser Lehrer, Herr Schulze, hat doch davon gesprochen, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, ob wir Morgen noch genug zum Leben haben.“

Lupo nickte, er schien sich langsam zu erinnern.

„Und er hat uns dann die Geschichte von den Vögeln erzählt. Sie fragen sich heute doch auch nicht, wo sie Morgen nach Würmern picken werden. Sie freuen sich, wenn sie heute am Tage ihren Wurm gefangen haben.“

Lupo wog seinen Kopf hin und her.

„Es reicht doch, wenn wir uns darum sorgen was heute ist. Gott, so hat Herr Schulze gesagt, wird schon das Seine dazugeben.“

„So, so… Ist das nicht ein bisschen naiv.“

„Ganz und gar nicht, meine Lieber. Ganz im Gegenteil, du siehst doch, wo die Gier mancher Streifenhörnchen hinführt, die immer mehr und mehr haben wollen. Sie haben im Nachbarwald einfach Feuer gelegt und nun sind zahllosen Familien auf der Flucht zu uns.“

Lupo wurde mit einem Mal ganz still.

„Und Morgen hat der Rat der Tiere hier in unserem Wald alle Tiere zu einem großen Fest eingeladen. Jeder soll etwas mitbringen. Das Motto ist „Miteinander Teilen“.“

Trixi zeigte mit ihrer Pfote auf ein buntes Plakat auf einem Baum nicht weit von ihnen.

„Und es sind ja noch viele andere Familien zu uns gekommen, seitdem es im Nachbarwald gebrannt hat.“

„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Es sind viel mehr Waschbären, Hasen, Schnecken und andere bei uns als früher.“

Vor seinem inneren Auge versucht Lupo sich an die letzten Tage zu erinnern. Lupo nickte wieder und wieder.

„Dann will ich mich auch auf den Weg in den Waldkaufladen machen, damit ich Morgen etwas mitbringen kann.“

Kaum hat Lupo dies ausgesprochen war er schon losgesprungen und nach wenigen großen Sätzen nicht mehr zu sehen.

Trixi schaute ihm lächelnd hinterher. Was war nur aus dem gefährlichen Wolf geworden. Er netter Kerl, dachte er.

(Die Geschichte wurde für den Erntedankgottesdienst der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde San Mateo in Bogotá/ Kolumbien im Oktober 2015 geschrieben.)

Pfr. Thomas Reppich

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