Predigt zum Sonntag Lätare, 22.3.2020

Schlagt den Topf

Jesaja 66

5 Hört des HERRN Wort, die ihr erzittert vor seinem Wort: Es sprechen eure Brüder, die euch hassen und verstoßen um meines Namens willen: »Lasst doch den HERRN sich verherrlichen, dass wir eure Freude mit ansehen«, – doch sie sollen zuschanden werden. 6 Horch, Lärm aus der Stadt! Horch, vom Tempel her! Horch, der HERR vergilt seinen Feinden!

12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Liebe Leserinnen und Leser,

in letzten Tagen kommt das gesellschaftliche Leben mehr und mehr zum Erliegen. Noch ist an einigen Plätzen zu manchen Zeiten Lärm zu hören. Bald so ist zu befürchten, wird nur noch ein großes Schweigen die Straßen und Plätze erfüllen. Mit gesenktem Blick werden Menschen eilig ihren Weg zur Arbeit einschlagen. Verstohlen werden sie beim Einkauf nach dem letzten Packet Toilettenpapier greifen. Wir werden uns hinter unseren Haus- und Wohnungstüren barrikadieren. Warten. Warten. Warten. Tagein, tagaus. Wir werden aufhören die Tage zu zählen, weil es einerlei geworden ist. Verstohlen werden wir aus dem Fenster schauen und uns erinnern an ein Leben, wie es uns noch vor kurzem so selbstverständlich schien.

Bange Tage sind längst angebrochen. Die verordnete Heimarbeit macht uns nicht wirklich glücklich. War’s das? Ist auch mein Ende nahegekommen? Hätte ich dann nicht wenigstens noch einmal… Was? Skifahren sollen. Ich war noch nie in Venedig. Warum habe ich die langersehnte Reise zu Freunden immer wieder aufgeschoben. Das Grab der Großeltern, ach hätte ich es doch vor einigen Wochen schon wiederhergerichtet. Aber welchen Bezug haben die Toten zu dem Virus, der die ganze Welt in Atem hält?

Und wir, welchen Bezug haben wir wirklich zu diesem Ereignis, dass so nah und gleichzeitig so fern ist, so real wie unvorstellbar?

Wie kann ich mich schützen? Dies ist die Frage der Stunde. Gibt es einen Schutz gegen das Leben? Gott hat keine Heuschrecken vom Himmel regnen lassen wie zu Moses Zeiten. Nein, der Gott an dem ich in diesen Stunden festhalte, hat mit der Ausbreitung des Virus ganz und gar nichts zu tun.

Die Freude auf den nächsten Tag, die Erwartung des nächsten Urlaubes, eines vor längerem geplanten Konzertbesuches, ist uns gänzlich abhandengekommen. Was ist der Frühling wert, wenn ich ihn durch eine graue Scheibe betrachte?

Ich spüre, wie sich meine Stimmung von Tag zu Tag eintrübt. Die weiße Leinwand in meinem Arbeitszimmer schaut mich an. Mir fehlt jede Motivation, das Weiß mit fröhlichen Farben zu betupfen.

Könnte ich singen, ich würde ein Klagelied anstimmen. Es ist nicht einfach schlechte Laune, die sich breit macht. Ich hadere eher mit der Zeit, die uns gerade überrollt. Warum muss das jetzt sein? Es ist Wochenende, normalerweise würde ich mit meinem Club um den Klassenerhalt zittern. Und dabei würde ich mich so lebendig fühlen.

Haben wir einen Anspruch auf fortdauernd gute Zeiten? Ist das Leben nicht immer ein Auf und Ab? Und doch, gerade etwas zu heftig in die eine Richtung. Ich merke, dass ich mich vielleicht noch nie so eingeschränkt und hilflos erlebt habe.

Du siehst jetzt nur die andere Seite des Lebens, sagt etwas in mir. Still nicke ich in mich hinein.

„Es wird alles wieder gut!“ Wie oft habe ich selbst diesen Satz gesagt und höre ich ihn und er geht durch mich hindurch. „Doch!“ Etwas rebelliert in mir. Das Leben kann nicht anders, als sich immer wieder neu zu entfalten. Ich schaue auf den Balkon, erblicke den kleinen Ahornsprössling. Er ist in diesen Tagen zu neuem Leben erwacht. Ich hatte ihn beim Herrichten der beiden Blumentöpfe schon fast herausgerissen. Nun entfalten sich die ersten Blätter, noch zaghaft, aber unverkennbar.

Unsere Beine sind schwer in diesen Tagen. Wir bewegen uns zu wenig.

„Die Gebeine sollen grünen wie Gras“.

Vielleicht bin ich wirklich dem Leben hilfloser ausgeliefert, als ich bislang glauben wollte. Aber solange ich die Kraft in mir noch spüren kann, will ich diese in eine andere Richtung lenken. Dem Leben entgegen. Einem Leben, das es auch in diesen anderen Zeiten noch gibt.

Schülerinnen und Schüler habe ich früher im Religionsunterricht gerne gefragt: „Wenn ihr wüsstet, ihr hättet nur noch kurze Zeit zu leben, was würdet ihr tun?“

Es ist eine rhetorische Frage, die dem Gesunden den Luxus von Zeit suggeriert. Etwas zu wollen und dann doch wieder aufzuschieben.

Fragen wir uns doch einfach und schieben es dann nicht auf!

Im Internet las ich von einer am Virus erkrankten Frau, die sich genau die obige Frage gestellt hat. Nun puzzelt sie, was sie noch nie gemacht hat und ist glücklich.

Wo geht deine Leidenschaft in diesen Tagen hin? Etwas, was auch in diesen Tagen nicht genommen werden kann. Und wenn du es gefunden hast, mach es … und erzähle anderen vom Balkon aus davon! Vielleicht greifst du vorher zu einem Kochtopf und einem Löffel, machst ordentlich Krach! Denn es ist doch schöner, wenn andere zuhören, wenn wir anfangen davon zu erzählen, was uns gerade antreibt und trotz allem glücklich sein lässt. Amen.

Pfr. Thomas Reppich

Predigt zum Sonntag Lätare, 22.3.2020