Klaus-Eberhard Wild:
Neue Erkenntnisse über die Herkunft des Obersteiner Altarbildes

Die Felsenkirche birgt ein
bedeutendes Werk mittelalterlicher Tafelmalerei: Das Altarbild in Form eines dreiteiligen
Altaraufsatzes (Flügelretabel), der seitens der Kunstgeschichte bereits große Beachtung
fand und auf auswärtigen Ausstellungen gezeigt wurde, zuletzt 1975 auf einer Ausstellung
"Kunst um 1400 am Mittelrhein" im Liebighaus in Frankfurt am Main. 1927 wurde es
erstmals im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt gezeigt, wozu es sorgsam restauriert und
der Bildinhalt gedeutet wurde (1).

Bild 41: Als Kunstwerk besonderen Rangs gilt das
dreiteilige Altarbild in der Felsenkirche, gemalt im frühen 15. Jahrhundert von einem
unbekannten Maler, der, da ihm noch mehrere Bilder zugeschrieben werden, als Meister des
Obersteiner Altars in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Reproduziert wurde das Bild
erstmals 1910 in einem in Frankfurt/Main erschienenen Buch von Friedrich Back
("Mittelrheinische Kunst" ). 1927 war es auf der Ausstellung "Alte Kunst am
Mittelrhein" im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, wo es sorgsam restauriert wurde.
1976 war es auf der Ausstellung "Kunst um 1400 am Niederrhein" im Liebighaus in
Frankfurt/Main zu sehen, in deren Katalog es Aufnahme fand.
Dabei ergab sich natürlich auch die Frage nach seiner Herkunft, die
bis heute nicht hinreichend geklärt ist. Unbestritten ist die Zeitstellung, frühes 15.
Jahrhundert, voreilig jedoch dürfte der Versuch gewesen sein, in dem Mainzer Domherrn
Eberhard (gest. 1419) oder in dessen jüngeren Kollegen Richard (gest. 1487), die sich
beide von Stein nannten, den Stifter zu sehen, der sich möglicherweise im Gewand eines
Geistlichen mit Spruchband "MISERERE MEI" (Erbarme dich meiner) im unteren Teil
des Mittelstücks verewigen ließ. Mag sein, dass es sich dabei um den Stifter handelt,
aber keiner der beiden Domherren dürfte es gewesen sein, denn sie hatten mit Oberstein -
wenn es überhaupt stammverwandte Obersteiner waren - nichts mehr zu tun und gehörten
nicht dem seit dem 14. Jahrhundert maßgebenden Familienzweig Daun-Oberstein an. Was soll,
fragt man sich, auch der Anlass gewesen sein, bereits vor der Erbauung der Felsenkirche
ein so aufwändiges Altarbild für Oberstein zu stiften. Dass es evtl. aus einem
Vorgängerbau oder aus einer anderen Kirche, möglicherweise aus der Kapelle "Auf dem
Kreuz" vor dem Flecken Oberstein in die Felsenkirche transferiert wurde, ist wohl
kaum anzunehmen.
Was den Maler betrifft bzw. dessen Werkstatt, so
ergeben sich auffallende stilistische Übereinstimmungen mit einigen anderen zeitgleichen
Bildern, deren Urheber unbekannt ist (2). Sie werden deshalb dem (unbekannten) "Meister des Obersteiner Altars"
zugeschrieben. Unter dieser Bezeichnung ist er in die Kunstgeschichte eingegangen. Wenn er
neuerdings auch als "Meister der Mainzer Verspottung" bezeichnet wird, so hängt
des damit zusammen, dass ihm auch des Bild von der Verspottung Christi im
Mittelrheinischen Landesmuseum in Mainz zugeschrieben wird (3). Bei der weiträumigen Streuung der Bildgruppe, von Colmar im
Elsass (Unterlindenmuseum) bis Kirchsahr in der Eifel (Kath. Pfarrkirche), besagt das aber
nicht, dass der unbekannte Maler - wie vermutet wurde - der Mainzer Schule angehört, auch
wenn auf dem Mainzer Bild viermal das Rad des Stadtwappens erscheint.
So wurde beispielsweise das Eifeler Bild in
Kirchsahr, das ursprünglich in Münstermaifeld hing, von Dehio/Gall einer "von
Conrad von Soest beeinflussten Richtung kurkölnischer MaIerei des frühen 15.
Jahrhunderts" zugeschrieben (4). Meine eigene Überlegung geht in diese Richtung, zumal neuerdings vorgeschlagen
wurde, die bereits erwähnten Glasfensterreste in der Felsenkirche mit dem Kopf Wirichs
IV. mit den großen Glasfenstern des Kölner Doms in Verbindung zu bringen (5). Warum soll der Sohn des Felsenkirchenbauherrn, der spätere
Kölner Erzbischof und Kurfürst Philipp, nicht als Stifter des Bildes infrage kommen? Er
war bereits 1467 Domherr in Köln, hat den Bau der Felsenkirche zeitlich als erwachsener
Mann miterlebt und möglicherweise seiner Verbundenheit mit der Heimat dadurch Ausdruck
verliehen, dass er aus einem ihm zugänglichen Fundus geistlicher Tafelbilder oder in der
Werkstatt eines Malers seiner Wahl ein Bild für die Felsenkirche aussuchte oder gar malen
ließ. Diese Vermutung ist natürlich eine Hypothese; das entscheidende Wort haben die
Kunsthistoriker!
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Bild 73: Erzbischof
Philipp II. von Daun (Sohn von Wirich IV.) [rechts unten] unter dem Schutz des hl. Petrus.
Glasfenster im Kölner Dom mit dem Bildnis des vermutlichen Stifters des Obersteiner
Altarbildes. |
Bild 9: Wirich IV.
Fragment der ehemaligen Verglasung.
Erbauer der Felsenkirche 1482 - 1484 und Vater von Erzbischof Philipp II. |
Unter der Ägide von Wirich IV. wurde in den
Jahren 1482 bis 1484 die Felsenkirche erbaut. Er dürfte im zweiten Jahrzehnt des 15.
Jahrhunderts, wahrscheinlich um 1418, geboren sein - das Jahr lässt sich nicht genau
ausmachen - regierte über ein halbes Jahrhundert und war, als sein Vater 1432 starb,
vermutlich noch jung an Jahren. Gestorben ist er auf der Schwelle der Neuzeit (1501), hoch
in den Achtzigern, erlebte aber nicht mehr, dass einer seiner Söhne, der seit Jahrzehnten
schon Domherr in Köln war, dort zum Erzbischof gewählt wurde und damit zu einem der
Kurfürsten des Reiches aufstieg.
Vater und Sohn bzw. Eltern und Sohn sind auf zwei
farbigen Glasfenstern des Kölner Doms dargestellt. Das eine zeigt die Eltern, Wirich und
Margarete, eine Leininger Gräfin, kniend und betend mit beider Ehewappen: In einer
Hälfte des senkrecht geteilten Schilds das Dauner Schräggitter, in der anderen die drei
silbernen Adler der Leininger. Das zweite Fenster zeigt den Erzbischof und Kurfürsten -
er regierte von 1508 bis 1515 - ebenfalls kniend und betend, mit dem Dauner Schräggitter.
Über dessen Pontifikat ist nicht viel zu sagen; im Gegensatz zu seinem Vorgänger und zu
seinem Nachfolger trat er in der Reichspolitik nicht hervor, regierte aber auch nur kurz
in einer relativ ruhigen Zeit (6). Allerdings war er schon Jahrzehnte zuvor einer der Domherren, aus deren Kreis
der Erzbischof gewählt wurde. Die Kurfürsten des Reiches, zu denen die drei rheinischen
Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier gehörten, wählten ihrerseits das
Reichsoberhaupt. Das Reich war ja eine Wahlmonarchie, auch wenn zuletzt die Habsburger die
höchste Würde, die zu vergeben war, fast ununterbrochen inne hatten. Jeder von ihnen
musste jedoch gewählt werden und konnte auch wieder abgewählt werden, was vereinzelt
auch vorkam.
Literatur:
- F. Back: Mittelrheinische Kunst, Frankfurt/Main 1910.
- F. Back: Der Obersteiner Altar, Birkenfelder Mitteilungen, Jan. 1928,
ebenso ausführlicher in der Zeitschrift für bildende Kunst, Bd. 62, Leipzig 1928, S. 102
ff.
- A. Stange: Deutsche Malerei der Gotik, Bd. 2, Berlin 1938, S. 123
-127.
- A. Stange: Kritisches Verzeichnis der deutschen Tafelmalerei vor
Dürer, Bd. 2, München 1970, Nr. 413, S. 94.
- I. Helbig: Der Obersteiner Altar und sein Umkreis,
Staatsexamensarbeit (ungedruckt), Mainz 1963.
- M. Rupp: Das Altarbild, in: Festschrift 500 Jahre Felsenkirche
Oberstein, Idar-Oberstein 1984, S. 81 -86.
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