Ein bedeutendes
Werk mittelalterlicher Tafelmalerei ist das Altarbild in der Felsenkirche. Da es, bis zur
Unkenntlichkeit verwahrlost und in zu großer Höhe aufgehängt, nicht zur Betrachtung
einlud, schenkte man ihm die gebührende Beachtung erst, als die Renovierung der Kirche
akut wurde. Friedrich Back, Direktor beim Hessischen Landesmuseum Darmstadt, bescheinigte
ihm ,,ein entschiedenes kunstgeschichtliches Interesse, es wurde sachverständig
restauriert und stand bei der Wiederweihe der Kirche 1929 wieder auf dem Platz, für den
es bestimmt war.
Es ist ein dreiteiliger
Altaraufsatz (Flügelretabel). Die mit Leinwand beklebten Bildtafeln sind aus Tannenholz.
Von der Malerei auf den Außenseiten der Flügel ist nichts mehr zu sehen, dagegen ist die
Malerei der Innenseiten - Tempera mit Harzlasuren vor Goldgrund - gut erhalten. Das
Mittelstück des Triptychons stellt die Kreuzigung dar, die Flügel zeigen vier Szenen aus
der Passion: links oben Jesus vor Kaiphas, unten Jesus vor Herodes, rechts oben die
Verspottung bei Pilatus, unten die Annagelung ans Kreuz.

Bild 41: Altarbild
Die ursprüngliche Pracht und
Leuchtkraft der Farben ist vergangen, aber es bleibt noch genug des Bewundernswerten: die
Vielfalt der Physiognomien, die Drastik der Gebärden, das dramatische Spiel
kontrastierender Formen, die kompositionelle Durchführung. Ein System korrespondierender
Linien und Farben verbindet die einzelnen Szenen miteinander, strebt zur Mitte und gipfelt
im Haupt des Heilands. Die drei Gekreuzigten beherrschen die obere Hälfte des
Mittelfeldes, in der unteren Bildhälfte ist eine Gruppe von fünf Personen durch große
goldene Nimben mit den Namen der Dargestellten ausgezeichnet: Johannes, der seine Tränen
mit dem Manteltuch trocknet, Maria Magdalena, Maria, Mutter des Jakobus, und Maria Salome,
die sich um die wie leblos daliegende Mutter Jesu bemühen. Die idealtypischen Gesichter
und verhaltenen Gesten, der Belcanto des Linienflusses unterscheiden diese Gruppe merklich
von den scharf charakterisierten, lebhaft agierenden Personen ringsum, lassen das
Getümmel auf der rechten unteren Bildhälfte umso turbulenter erscheinen. Der gesteppte
weiße Ärmel eines Berittenen, das hellblaue Hinterteil eines Pferdes heben sich ab. In
der Ecke rechts unten ist das Trio der zwergenhaften Kriegsknechte beim Würfeln um Jesu
Kleider in Streit geraten - die Vorwegnahme einer Brouwerschen Wirtshausszene. Der Gruppe
der heiligen Frauen zugewandt, kniet, kindlich klein, im weißen Chorrock, die Hände
betend zusammengelegt, der Stifter des Altars; ,,Miserere mei sagt sein Schriftband.
Auf dem blauen Pferd sitzt ein dunkelhäutiger Exot und blickt empor, der fromme
Hauptmann, durch ein Schriftband mit den Worten ,,Vere filius dei erat iste
gekennzeichnet, wendet sein Gesicht ab, zwei Ritter mit silbernen Helmen diskutieren
erregt das Geschehen. Ein Alter, von der Legende Stephaton genannt, führt den
essiggetränkten Schwamm mit einem Rohrstab zu Jesu Mund. In spitzem Winkel schneidet der
Stab die Lanze, die ein Reiter mit geschlossenen Augen, von seinem Begleiter unterstützt,
Jesus in die Seite stößt; der Legende nach ist es der blinde Longinus, den Christi Blut
wieder sehend machte. Links neben ihm streckt ein Mann die Zunge gegen den
Dornengekrönten heraus; er hält ein Schriftband mit den Worten: ,, Si tu Christus es
descende de cruce.
Bewegung und reiches Formenspiel
erfüllen auch die obere Bildhälfte. Der Goldgrund selbst ist auf allen fünf Bildern von
einem gepunzten Ornamentstreifen umgrenzt. Über die Fläche des mittleren verstreut
erkennt man Wellenbänder, von denen Linienbündel nach unten ausgehen: die Formel für
Wolken. In der linken oberen Ecke ist ein Stückchen blauer Himmel ausgespart. Vier Engel
umschweben den gekreuzigten Christus und fangen in goldenen Kelchen sein Blut auf. Er ist
mit klobigen Bolzen angenagelt, während die Schächer in den Achseln über dem Kreuz
hängen, das im Unterschied zum mittleren T-förmig ist; ihre Arme sind an ein Querholz
gebunden, ihre Beine baumeln frei herab. Beide Schächer sind dem Heiland zugekehrt. Der
linke, bußfertige, hat den Kopf gesenkt; seine Seele, in Gestalt eines Kindes, wird
behutsam von einem Engel umfasst. Der Bösewicht rechts scheint erhobenen Hauptes den
Herrn noch zu lästern, indes ein schwarzer Teufel bereits mir Klauen und Zähnen die arme
Seele packt.
Nur auf dem Kreuzigungsbild zeigt
das zur tragischen Maske erstarrte Antlitz Christi eine gewisse Größe; auf den
Flügelbildern ist es ausdruckslos und ohne eine Spur jener Majestät, die ihm der
Kreuznimbus verleiht. Unausgeprägt und gleichförmig sind die Hände der im Übrigen
durch Gesichtsschnitt, Barttracht, Kleidung, Bewaffnung und anderes Zubehör so auffällig
individualisierten Personen; schablonenhaft sind auch die Pflanzen wiedergegeben.
Außerordentlich ist der
Farbenreichtum. Dunkles Blau, Purpurrot, Braun und Grün, Violett, Hellblau, Lila, Orange,
Gelb, Weiß und Gold klingen zu einer vielstimmigen, festlichen Harmonie zusammen, wie sie
uns später etwa bei Holbein o. Ä. und Meister Mathis begegnet.
Seit der ,,Entdeckung des Altarbildes in der Felsenkirche
beschäftigen zwei Fragen alle Kunsthistoriker und Heimatforscher, die sich mit ihm
befassten: Wer hat es gemalt? Wann ist es entstanden? Der Obersteiner Heimatforscher
Alfred Loch trug aus seiner gründlichen Kenntnis der lokalen Geschichte Anhaltspunkte
für die Datierung bei, Friedrich Back konnte die Hand unseres Malers auf zwei weiteren
Bildtafeln nachweisen, einer Kreuzigung in der Darmstädter Galerie und einer
Passionsszene mit einem Bild aus der Stephanusgeschichte im Mainzer Museum. Back vermutet
die Werkstatt unseres Malers in Mainz, wo Obersteiner Herren mehrmals geistliche Würden
am Dom bekleideten. Da schriftliche Urkunden, Monogramme und Signaturen fehlen, muss über
die genannten drei Werke hinaus mit Begriffen wie ,,verwandt oder ,,nahe
stehend gearbeitet werden. Alfred Stange sieht eine Verbindung von einer Kreuzigung
im Unterlindenmuseum zu Colmar zum ,,Kreis des Obersteiner Altars, im Colmarer Maler
möglicherweise auch nur ,,ein wahlverwandtes Temperament. Zumindest das Gleiche
kann vom Schottener Altar gesagt werden; Stange meint, der Obersteiner könne ein Schüler
des Schottener Meisters gewesen sein.
Wilhelm Jung machte auf ein
Männerantlitz aufmerksam, das bei der Restaurierung des Obersteiner Altars in der rechten
oberen Ecke der Annagelung ans Kreuz freigelegt wurde. Vom Heiligenschein Marias halb
verdeckt, vom Rahmen überschnitten, blickt ein Mann mit roter Kappe aus dem Bild. Jung
zweifelt nicht daran, dass es ein Selbstbildnis des Malers ist.

Bild 42: Männerkopf vom Altarbild
(Selbstbildnis des Meisters?)
Bei der Datierung des Altars hat man sich wohl zu sehr auf
Eberhard oder Richard von Oberstein als mögliche Stifter festgelegt, somit auf die
Zeitspanne zwischen 1414 und 1487, während der die beiden Herren urkundlich als
Mitglieder des Mainzer Domkapitels nachgewiesen sind. Es gibt formale Indizien dafür,
dass der Altar vor 1414 gemalt ist. Bezeichnenderweise ist die Colmarer Kreuzigung, die
unserem Altar in jeder Hinsicht nahe steht, im neuen Katalog des Unterlindenmuseums um ein
halbes Jahrhundert zurückdatiert worden, auf 1360 - 80.
In der Ausstellung ,,Alte Kunst am
Mittelrhein, die 1927 in Darmstadt veranstaltet wurde, hatte der Obersteiner Altar
einen Ehrenplatz.
Der unbekannte Maler erhielt den
Namen, unter dem er seither in die Kunstgeschichte eingegangen ist: ,,Meister des
Obersteiner Altars. Bis auf weiteres, vielleicht für immer, bleibt es bei dieser
Nottaufe.

Bild 43: Tafelbild mit der Familie des Grafen Sebastian.
Um 1570