Geologische Vorgeschichte
Im 15. Jahrhundert wurde die Felsenkirche in einer
Höhlung des fast senkrecht niederfallenden Schlossfelsens, etwa 60 m unterhalb des Alten
Schlosses erbaut. Seitdem war sie stets den Gefahren von Steinschlägen und Felsstürzen
aus den steil aufragenden Felswänden ausgesetzt. Dies hat einerseits mit dem besonderen
Standort der Kirche und andererseits mit den geologischen Gegebenheiten am Schlossfelsen
zu tun.
Der Schlossfelsen besteht aus Ergussgesteinen, die
im ausgehenden Erdaltertum entstanden, als es zurzeit des Rotliegenden zu einer
bedeutenden vulkanischen Tätigkeit kam. Mächtige Lavadecken breiteten sich im Raum
Idar-Oberstein zwischen den Sedimentgesteinen des Oberrotliegenden aus. Diese Lavadecken
setzen sich aus mehreren Lavaströmen zusammen, bei denen sich Sohlzone, Kernzone und
Dachzone ganz unterschiedlich verhalten. In der Kernzone erstarrte das Magma zu einem
dichten und festen Gestein, während in der Sohl- und Dachzone weniger feste Gesteine
(Mandelsteintypus) entstanden. Hier bildeten sich beim Erkalten des Magmas Blasenräume,
die entweder als Hohlräume verblieben oder mit Mineralien wie Achate, Amethyste,
Rauchquarze, Calcit u.a. ausgefüllt wurden. Es sind somit in dem Ergussgestein
unterschiedliche Gesteinsfestigkeiten vorhanden, die sich in der Felswand durch eine sehr
unruhige Oberfläche, z.B. durch Vorsprünge und Überhänge darstellen und sich auch
unterschiedlich gegenüber Witterungseinflüssen und Spannungsumlagerungen verhalten.
Entscheidenden Einfluss auf die Steinschlaggefahr
haben aber auch die Klüfte. Am Schlossfelsen kann man zwei Kluftsysteme deutlich
unterscheiden. Das eine Kluftsystem wird durch die Abkühlungsflächen bzw. Grenzflächen
zwischen den einzelnen Lavaströmen und Lavadecken gebildet. Diese Trennflächen stellen
mechanisch eine Inhomogenität im Gebirge dar und zeichnen sich morphologisch als Klüfte
ab. Das andere Kluftsystem ist durch tektonische, d.h. gebirgsbildende Kräfte entstanden,
es durchschlägt das erste Kluftsystem und prägt im Wesentlichen die Gestalt des
Schlossfelsens.
Die Ergussgesteine mit ihren unterschiedlichen
Festigkeiten, die verschiedene Richtung und Ausbildung der beiden Kluftsysteme, die
Witterungseinflüsse, der Kluftwasser- und Strömungsdruck und die Schwerkraft sind
Hauptursache der Steinschläge und Felsstürze am Schlossfelsen in Oberstein.
Gefahren
für Kirche und Besucher
Seit Bestehen der Felsenkirche spielen
Steinschläge und Felsstürze eine wichtige Rolle. Die Kirche wurde mehrfach durch
Steinschlag beschädigt und im Jahr 1742 so schwer getroffen, dass man es kaum der Mühe
wert hielt, sie wieder herzustellen.
Vergebens wandte sich im Jahre 1858 der
evangelische Kirchenvorstand zu Oberstein an die Großherzoglich Oldenburgische Regierung
mit der Bitte, ,,die der Kirche Gefahr drohenden Steine von Staats wegen beseitigen
zu lassen. Hierzu schrieb unter dem 19. Juli 1858 der Bauinspector Meyer an die
Großherzogliche Regierung auszugsweise folgenden Bericht:
,,In Folge Aufgabe Großherzoglicher Regierung von
20ten April d. J. habe ich bei meiner nächsten Anwesenheit in Oberstein die Grotte, in
welcher die Kirche steht, in Bezug auf die in ihr hängenden, der Kirche Gefahr drohenden
Steine näher besichtigt, um Großherzogliche Regierung über die Kosten berichten zu
können, welche das Herabnehmen oder Befestigen der fraglichen Steine verursachen würde.
Ich fand nun, dass die Bestimmung dieser Kosten im Voraus eine sehr missliche Sache sei,
weil man einestheils nicht ohne weiteres bis zu diesen Steinen hinankommen und somit weder
die Größe der sich lösenden Felsstücke bestimmen kann, noch weiß, wie fest oder wie
lose sie sitzen, und auf welche Weise ihnen am vorteilhaftesten beizukommen ist und
anderntheils, wenn man einmal ans Werk geht, Gerüste u. s. w. anbringt, doch jedenfalls
die ganze Grotte durch Anklopfen untersucht und alles nur irgend Gefährliche beseitigt
werden muß. Da nun nach der Erklärung des Kirchenvorstandes die Grenze zwischen dem
Eigentum der Kirche und der Krone, mitten durch erstere gehen sollte und ich bei der
Untersuchung fand, daß der hauptsächlich infrage kommende Stein fast senkrecht über der
Frontmauer der Kirche hing, ...
Hierdurch fiele nun jeder Grund weg, auf das
Ansinnen des Kirchenvorstandes von Oberstein die gefahrdrohenden Steine von Seiten des
Staats beseitigen zu lassen, einzugehen, da sowohl der Fels über der Kirche als unter
derselben Eigenthum der Kirchengemeinde ist, und halte ich die mir unterm 20ten April d.
J. gewordene Aufgabe hiermit für erledigt."
Einige Jahre später, 1863, schrieb der Pfarrer in
einem Spendenaufruf vom 22. Februar u.a.:
,,Es geschieht fast jährlich, dass sich von dem
Kirchfelsen größere oder kleinere Stücke ablösen und auf die Kirche oder den dahin
führenden Weg herabfallen. Der so verursachte Schaden hat innerhalb der letzten sieben
Jahre eine Ausgabe von 600 bis 700 Thalern veranlaßt.
Diese vor über hundert Jahren geschilderte
Situation war in den letzten Jahren noch akuter als damals. Im Laufe der Jahrzehnte ist
die Verwitterung der Felswand zunehmend fortgeschritten, und die Zahl der Besucher der
Felsenkirche nahm ständig zu, sodass eine immer größer werdende Gefahr aus
Steinschlägen und Felsstürzen gegeben war.

Bild 63: Europas höchstes Arbeitsgerüst, 1980
Aufgrund dieser akuten Gefahrensituation haben die
Eigentümer der Felsflächen, von denen die Gefahr ausgeht - nämlich die evangelische
Kirchengemeinde Oberstein, die Stadt Idar-Oberstein und das Land Rheinland-Pfalz - im
Jahre 1977 vereinbart, Felssicherungsmaßnahmen durchzuführen und die Kosten anteilig zu
übernehmen.
Sicherungsmaßnahmen
und neuer Zugang durch den Berg
Im Januar 1978 erhielt das Staatsbauamt
Idar-Oberstein von der Oberfinanzdirektion Koblenz 1 Landesvermögens- und -bauabteilung
Mainz den Auftrag, die Felssicherungsmaßnahmen zu planen und auszuführen.
Nach Vermessung des Schlossfelsens, mehreren
Ortsbegehungen und Durchsteigen der Felswand, Fallversuchen und -berechnungen konnte ein
geologisches Gutachten erstellt werden, das zur Sicherung der Bereiche rechts und links
neben der Kirche, d. h. Sicherung der Zuwegung und Unterlieger, den Aufbau schwerer
Fangzäune empfahl. Die Fangzäune wurden 1978/79 erstellt. Sie bestehen aus bis zu 6 m
hohen Stahlträgern, im Abstand von 3 m versetzt, mit einem Einzelgewicht bis zu 700 kg,
sowie waagerecht laufenden Stahlseilen 20 mm Durchmesser und einer Bespannung aus
Steinschlagschutzmatten.
Die nächste Sicherungsmaßnahme sollte das
Kirchenbauwerk selbst und den Kirchenvorplatz schützen. Ein absoluter Schutz der Besucher
im Bereich vor der Kirche wäre nur gewährleistet worden durch den Bau eines 6 m
auskragenden Fangzaunes in der fast senkrechten Felswand oberhalb der Kirche oder durch
Zubetonieren der gesamten Felsfläche von der Kirche bis zum Alten Schloss. Diese
Lösungen waren jedoch nicht akzeptabel und teilweise auch nicht durchführbar. Die
Steinschlaggefahr vor der Kirche wurde daher im wahrsten Sinne des Wortes umgangen und ein
Tunnel als neuer Zugang zur Kirche vorgesehen. Die Felswand oberhalb der Kirche wurde nur
so weit gesichert, dass keine Gefahr mehr für die Kirche und die Anlieger am Fuße des
Schlossfelsens bestand. Der Auftrag für diese Maßnahmen wurde im Dezember 1979 an eine
auswärtige Firmengemeinschaft erteilt.
Im Januar 1980 konnte bereits mit dem Aufbau des
Arbeitsgerüstes, von dem aus die Felssicherungsarbeiten erfolgen sollten, begonnen
werden. Mit einer endgültigen Höhe von rd. 70 m war es wohl in Europa das bisher
höchste Gerüst, das an einer Felswand entstand. Im Zuge des Aufrüstens hat sich die
tiefreichende Auflockerung und Verwitterung des Gebirges in einem Ausmaß bestätigt, wie
es auch die Fachleute vorher nicht vermuteten. Die Sicherungsarbeiten umfassten im
Wesentlichen das Verankern absturzgefährdeter Felsbrocken im rückwärtigen Gebirge mit
insgesamt 84 Ankern, 2,50 m bis 6,00 m lang, und zulässigen Zugkräften bis zu 18 Tonnen.
Die kurzen Anker wurden im Gebirge verklebt und die langen Anker wurden mit Zementmörtel
verpresst. Tonnenschwere Felsbrocken, die in 50 m und 60 m Höhe so locker in der Wand
hingen, dass sie bereits bei der Verankerung abzustürzen drohten, mussten unter einem
Schutznetz an der Felswand von Hand zerkleinert und über das Gerüst abgefördert werden.
Stark aufgelockerte, verwitterte Felsbereiche wurden mit Baustahlgewebe überzogen und mit
dunkel eingefärbtem Spritzbeton gesichert, der später noch mit Lehmbrühe angestrichen
wurde. Klüfte wurden mit Betonplomben ausgefüllt und überragende Felsbereiche zur
Verstärkung der Tragwirkung gewölbeförmig unterspritzt.

Bild 64: Tunnel zur Felsenkirche
Nachdem die Sicherung der Felswand über der Kirche
abgeschlossen und somit das Risiko eines Felssturzes weitestgehend ausgeschaltet war,
konnte im Sommer 1980 mit dem Sprengen des Fußgängertunnels begonnen werden. Das
Tunnelprofil hat eine Breite von 2,20 m und eine Höhe von 2,50 m in dem First. Die etwa
38 m lange Tunnelstrecke zeigt zwei Bögen auf und einen Höhenunterschied von 9,50 m.
Wegen der nahe gelegenen Wohnhäuser und des direkt betroffenen Kirchenbauwerks erfolgte
der Vortrieb mit gebirgsschonenden Sprengverfahren, wobei die Sprengerschütterungen
laufend gemessen und in festgelegten Grenzen gehalten wurden. Mitte November 1980 wurde
der Tunneldurchschlag in die Kirche vollzogen, nachdem vorher das Tunnelprofil vom
Kircheninnern her auf 1 m Tiefe von Hand ausgebrochen wurde. Zur endgültigen
Fertigstellung waren noch verschiedene Nebenarbeiten, wie Treppenanlage, Eingangsportale,
elektrische Beleuchtung und Gestaltung des Tunnelvorplatzes erforderlich.
Die Gesamtmaßnahme ,, Felssicherungsarbeiten im
Bereich der Felsenkirche Idar-Oberstein konnte zu Ostern 1981 nach fast 3-jähriger,
unfallfreier Bauzeit mit einem Kostenaufwand von 3,0 Mio. DM abgeschlossen werden.