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Eduard Finke: Die Sanierungsmaßnahmen
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Dem Chronisten, der über den Ablauf der letzten Sanierungsarbeiten berichten darf, fällt schon bei der Suche nach einem geeigneten Anfang auf, dass dies ein schwieriges Unterfangen ist, zumal er weiß, dass kompetente Leute über die Geschichte der Felsenkirche bereits an anderer Stelle dieser Festschrift maßgeblich zu Wort gekommen sind. Es bleibt - da es sich bei dem Chronisten um einen Denkmalpfleger handelt - nicht aus, dass er in die Geschichte der vielfältigen Arbeiten an dieser sehr spektakulär situierten Kirche einsteigt, um sozusagen die jetzigen Maßnahmen nicht im geschichtslosen Raum schweben zu lassen.

Wenn man anlässlich der 500-Jahrfeier der Felsenkirche zu Oberstein eine Festwoche veranstaltet und dazu eine Festschrift herausgibt, so kann man davon ausgehen, dass sich die Jubilarin nicht in einem desolaten Zustand präsentiert. Dies bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass das zu besprechende Objekt immer gesund gewesen ist, vielmehr muss man annehmen, dass Renovierungs- bzw. Restaurierungsarbeiten eben ihre Ursache in ,,Krankheiten“ haben, die es zu beseitigen gilt, damit das Objekt möglichst lange überlebt, zumindest jedoch sich während der Festzeit im allerfeinsten Gewand den Festgeladenen darstellt. Vergleicht man weiterhin die Felsenkirche mit einem Jubilar aus Fleisch und Blut, so kann man nur hoffen, dass derjenige, der die Therapie aufgrund einer Krankengeschichte verordnet, auch die vorhergehenden Krankheiten analysiert hat. Wie so üblich, geht man zur Geburtsstunde zurück und entdeckt, vorausgesetzt man nimmt an, dass das Festjahr 1984 nicht willkürlich gewählt ist, dass die Geburtsstunde im Jahr 1484 geschlagen haben muss. Bei der Untersuchung des Embryonalzustandes ergibt sich, dass die Geburtshelfer, d.h. die damals für die Erbauung der neuen Kirche Verantwortlichen, bereits 1482 auf Bitten der Bürger, den Plan eines Erweiterungsbaues der Felsenkapelle in Erwägung gezogen hatten, weil sich in der Enge des Ortes Oberstein kein geeigneter Bauplatz fand. Am 23. August 1482 traf dann auch die päpstliche Genehmigung ein, und am 10. Januar 1484 konnte der Neubau eingeweiht werden1). In der Tat bestätigt sich hier die Vermutung, dass was sich 1984 zum 500. Male jährt, nicht die Geburt, sondern eigentlich die Taufe des Neugeborenen ist. Die eigentliche Geburtsstunde muss sich demnach folgerichtig im Jahr 1483 vollzogen haben. In diesem Jahr ist Martin Luther geboren worden, dessen 500. Geburtstag wir im vergangenen Jahr ebenfalls feiern konnten und dessen Lehren erst im Jahre seines Todes, 1546, in Oberstein Eingang gefunden haben. Nach längeren Streitigkeiten um die konfessionelle Zugehörigkeit der neuerbauten Kirche nach dem Prinzip cuius regio, eius religio“ konnte sich 1641 der Protestantismus endgültig im Obersteiner Gebiet festsetzen. Die katholische Kirchengemeinde erhielt 1684 unter den Franzosen am Marktplatz eine eigene Kirche2).

Es ist sicher, dass die sog. Felsenkirche 1484 dieselben Ausmaße hatte, die man heute noch antrifft.

Der Felsen, an dessen Steilhang die Kirche gebaut ist und der für die Geschichte von Oberstein von so eminenter Bedeutung wurde - nicht zuletzt steht auf ihm das alte Schloss - hat seinen Einfluss auch in negativer Weise auf die Geschicke der von ihm eigentlich zu beschützenden Kirche wirksam werden lassen. Selbst der benachbarte Felsen - auf dem das sog. Neue Schloss errichtet ist - versetzte die Bevölkerung mehrfach in Schrecken. Es wird berichtet, dass bereits 1650 die Ostmauer des Neuen Schlosses gebrochen war und den Berghang hinabrollte bis zu der alten Pfarrwohnung am Marktplatz. Felsstürze bedrohten immer mehr die Kirche und die Häuser unterhalb der Felsen. 1660 wurde so das Haus eines Wollwebers zerschlagen; zwei seiner Kinder waren auf der Stelle tot, die Frau und ein weiteres Kind schwer verletzt3). Das Strohdach der Felsenkirche hatte man 1724 durch Schiefer ersetzt. Achtzehn Jahre später hatte der größte Felssturz, den die Kirche bis dahin erlebt hatte, das neu beschieferte Dach und das gotische Rippengewölbe des Kirchenschiffes zerstört. Die Bevölkerung zeigte sich immer mehr beunruhigt, und zum Aufbau hatte man keine Lust, denn keiner wollte sich zukünftig beim Gottesdienst einer lebensbedrohenden Gefahr aussetzen. Erst zwei Jahre später, also im Jahre 1744, konnte die Kirche wieder eingeweiht werden, nachdem zu dem Wiederaufbau vielerlei Spenden zur Erneuerung, nicht nur aus Kreisen der Bevölkerung, sondern auch von weither zusammengekommen waren. Da es jedoch nicht zur Wiederherstellung des gotischen Rippengewölbes ausreichte, überspannte man, als einfachere Lösung, das Schiff mit einer Tonne, wie dies in der Barockzeit öfters gemacht wurde4).

Nahezu einhundert Jahre blieb der Felsen nunmehr ruhig, denn erst 1838 geriet er wieder in Bewegung. Die evangelische Gemeinde beriet nun in aller Ruhe, ob es nicht zweckmäßiger sei, an anderer Stelle in der Stadt eine neue Kirche zu erbauen, um dieser nicht zu kontrollierenden Gefahr einfach aus dem Wege zu gehen und auch die Beschwernis des steilen Anstieges zur Kirche abzuschaffen. Aus Kostengründen konnte dies jedoch nicht bewerkstelligt werden, sodass man sich zunächst mit einer Reparatur begnügte. Zwanzig Jahre später stand man jedoch wieder vor dem gleichen Problem, und kam auch damals nicht weiter, sondern gab lediglich dem Turm die Gestalt, die er noch bis 1928 /29 beibehalten hat. Die Gedanken um eine Neuplanung an anderer Stelle kamen jedoch wegen des sich nicht beruhigenden Steinschlages und des beschwerlichen Aufstieges nicht zur Ruhe, sondern wurden auch durch die Tatsache gefördert, dass die Bevölkerung ständig zunahm und in der Kirche am Felsen kein rechter Platz mehr war. 1822 gründete man dann einen Kirchenbaufonds, und ein Bauplatz wurde 150 m flussaufwärts - ziemlich dicht an der Hauptstraße - erworben, auf dem 1916 der Neubau errichtet werden sollte. Der ausgebrochene Krieg verhinderte zunächst den Neubau, und nach demselben verschlang die Inflation den gesamten Kirchenbaufonds, sodass das Vorhaben ausgesetzt und zunächst aus den Gedanken der Bevölkerung gewichen war.

Vermutlich als späte Auswirkungen der Romantik rückte die Felsenkirche immer stärker in den Mittelpunkt des Interesses der Bevölkerung, dies nicht nur als Kirche, sondern viel mehr noch als Wahrzeichen und Attraktion der Stadt.

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Bild 58: Farbliche Erneuerung

Es ist bemerkenswert, dass bereits 1925 die Felsenkirche nach dem Denkmalschutzgesetz für das Großherzogtum Oldenburg vom 18. Mai 1911 unter Schutz gestellt worden war, also über ein halbes Jahrhundert bevor - nach der Gründung des Landes Rheinland-Pfalz - im Jahre 1978 das zurzeit gültige Denkmalschutz- und -pflegegesetz verabschiedet wurde. Der Regierungspräsident mit Sitz in Birkenfeld ließ den baulichen Zustand der Kirche genauestens untersuchen, und man beschloss daraufhin eine gründliche Renovierung, die auf lange Sicht Bestand haben sollte. Der damalige Generalkonservator und spätere Ministerialdirigent Dr. Hiecke nahm von Berlin einen bestimmenden Einfluss auf die Umbaumaßnahmen der Felsenkirche, indem er unter anderem den Architekten Heilig aus Darmstadt empfahl5).

Die Renovierungs- und Umbaumaßnahmen der Jahre 1927 bis 1929 verschlangen eine Menge Geld. Eine Inschrift am großen Pfeiler neben der Quelle beschreibt die Erinnerung an diese Maßnahmen der Renovierung, wie folgt:

,,DIE FELSENKIRCHE VON OBERSTEIN WURDE ERNEUERT IN DEN JAHREN 1927 -29 IM AUFTRAG DER OLDENBURGISCHEN REGIERUNG IN BIRKENFELD UNTER DEM REGIERUNGSPRÄSIDENTEN DÖRR DURCH DEN ARCHITEKTEN HEILIG WÄHREND DER AMTSZEIT DES PFARRERS ROTH. AN DER AUFBRINGUNG DER MITTEL HABEN SICH BETEILIGT: DAS REICH, PREUSSEN, DER FREISTAAT OLDENBURG, DER LANDESTEIL BIRKENFELD, DIE LANDESKIRCHENKASSE UND DIE KIRCHENGEMEINDE OBERSTEIN.“

Die Leistung von Architekt Heilig muss heute noch als bedeutsam bezeichnet werden. Heilig betont - 25 Jahre nach der Maßnahme - in einem Schreiben, dass die Trockenlegung der Jahre 1927/29 mit all ihren technischen Manipulationen das gehalten habe, war er einstens versprochen hatte.

Unabhängig von dieser Leistung muss es dem Konservator nach nunmehr über fünf Jahrzehnten gestattet sein, auch kritische Anmerkungen über die Renovierung der Felsenkirche festzuhalten, dies umso mehr, als die Renovierung von damals heute noch das Erscheinungsbild der Felsenkirche prägt. Durch die Beseitigung der barocken Tonnenwölbung und das Einziehen einer flachen Holzbalkendecke wurden die hohen und breiten gotischen Fenster wieder völlig freigestellt. Andererseits wurden wertvolle baugeschichtliche Relikte und Hinweise verbaut, wie man auch ganz allgemein feststellen muss, dass eine puristische Bereinigung sowohl am Innenraum als auch an dem äußeren Erscheinungsbild der Kirche stattgefunden hatte. Da jedoch diese puristische Grundhaltung sich nicht auf die ehemalige gotische Substanz zurückgezogen hatte, entstand durch die Handschrift Heiligs mehr ein Dokument des damaligen Stilempfindens als ein Herauskristallisieren der mittelalterlichen Bausubstanz. Selbst barocke Einbauten wie die Kirchenbänke und andere Ausstattungsstücke wie Emporenteile usw. wurden radikal beseitigt.

Es mag durchaus einen Architekten auszeichnen, wenn durch seine Werke sowohl der Zeitstil als auch sein eigenes Stilempfinden zum Ausdruck kommt; für die konservatorische Behandlung einer historischen Bausubstanz wäre jedoch mehr Zurückhaltung und Respekt ihr gegenüber angebracht.

Diese Diskrepanz ist heute im Umgang mit historischer Bausubstanz öfters spürbar, und sie wird andauern und peinlich bleiben, solange sich die Architekten nicht darüber klar werden können, dass ein Kulturdenkmal nicht dazu geeignet ist, sich und dem jeweils herrschenden Zeitgeist ein Denkmal zu setzen. Die staatliche Denkmalpflege darf, ja sie sollte vielmehr, trotz vieler Niederlagen und auch eigener Fehler nicht müde werden, ihrer Verpflichtung als ausgleichender Faktor im Umgang mit dem uns allen überlassenen Kulturgut nach bestem fachlichen Wissen gerecht zu werden. Das folgende - kommentarlos wiedergegebene - Doppelzitat möge den Chronisten aus der Gefahr allzu heftiger Kritik befreien, da die beiden zitierten Herren für die retrospektive Betrachtung dieser Maßnahme am geeignetsten erscheinen. Architekt Heilig schildert einen gemeinsamen Besuch mit Dr. Hiecke in der Felsenkirche im Jahre 1952 wie folgt:

,,Gemeinsam in der Kirche stehend drückte er mir die Hand, indem er erklärte: ,,Eine Farbensymphonie, wie ich sie selten gesehen habe, im Ganzen betrachtet eine jener wenigen restlos gelungenen Instandsetzungen, die besonders hervorzuheben ist, weil sie einem Neubau fast gleichkommt, ja, durch die Art und Weise der Trockenlegung das übliche Ausmaß eines Neubaues noch übersteigt.“6)

Bereits seit 1927 - kurz vor dem Beginn der Renovierungsarbeiten - konnte man auch abends die Konturen dieses Kleinods oberhalb von Oberstein durch eine installierte Scheinwerferanlage bewundern.

In geziemender Distanz, jedoch mit der Stadt und ihrer Geschichte u. a. durch die Liebe der Bevölkerung engstens verbunden, erlebte die Kirche dann auch die Vereinigung der beiden Gemeinden mit dem Zusammenschluss von Idar und Oberstein zu einer Stadt am 1. Oktober 1933. Das Wunschkind der mittelalterlichen Gemeinde musste nun - 450 Jahre nach seiner Geburt - im Innern und Äußern neu gestaltet, als Wahrzeichen der neuen Stadt Idar-Oberstein mit ansehen, wie es in das Großdeutsche Reich zwangsweise mit übernommen wurde. Der Fels, der seiner behütenden Aufgabe nicht immer ganz gerecht wurde, vielmehr seinen Schützling arg zerzaust hatte, zeigte sich während der Wirren des letzten Weltkrieges sehr gnädig, denn die Bomben konnten ,,seiner“ Kirche nichts zu leide tun. Lediglich in den letzten Kriegstagen wurden durch eine sinnlose Sprengung der Brücke am Marktplatz einige Kirchenfenster teilweise beschädigt. Die Sirene, neben dem Turn errichtet, ließ man auch heute in unserer von vielen Friedensworten erfüllten Zeit bestehen, und so erinnert uns dieselbe an eine unglückselige Zeit.

Unbeeindruckt von dem neuen Gewand der Kirche und den Zeitläufen hielt die Bedrohung durch den Felsen für die Kirche weiterhin an, und so löste sich am 6. August 1946, gegen 7 Uhr in der Früh, eine größere Masse Gesteins und stürzte zu Tal. Die Kirche jedoch blieb glücklicherweise unversehrt.

Nahezu unlösbar mit der Geschichte der Felsenkirche und deren Bedeutung ist - auch überregional betrachtet - die Existenz ihres mittelalterlichen Altarbildes verbunden. 1927, während der Renovierungsarbeiten, quasi ,,wieder entdeckt“, beschäftigt es seitdem die Kunstgeschichte. Im Zusammenhang mit diesem Bericht soll deshalb auf die Odyssee eingegangen werden, der sich das wertvolle Triptychon während und nach dem Krieg unterziehen musste. Bereits 1927 ausquartiert, restauriert und anlässlich der Ausstellung ,,Alte Kunst am Mittelrhein“, die 1927 in Darmstadt veranstaltet wurde, einem größeren Kreis vorgestellt, kehrte es 1929 in die Felsenkirche zurück. Kurz vor Ausbruch des letzten Krieges begann im Herbst 1939 eine größere Reise, die das Triptychon unternehmen musste, um es vor den Gefahren des bevorstehenden Krieges zu schützen. Eine diesbezügliche Empfangsbescheinigung des Provinzialkonservators der Rheinprovinz in Bonn hat folgenden Wortlaut:

,,Zum Zwecke der Bergung gegen Gefährdung im Kriege wurde der o.g. Dienststelle für die Dauer des Krieges leihweise überlassen:

Laufende Nr. 1 Gegenstand: 1 Flügelaltar aus der Felsenkirche in Oberstein (ohne Predella)
Eigentümer: Evangelische Kirchengemeinde in Oberstein
Bemerkungen: Kiste, in der das Altarbild verpackt ist, gehört der Kirchengemeinde.
Datum: 5. September 1939
Im Auftrage: gez. Dr. H. Neu.“

Die evangelische Kirchengemeinde Oberstein bestätigt in einer Erklärung vom 12. Juni 1940 dem Provinzialkonservator, wie folgt:

,,Der Provinzialkonservator hat im staatlichen Auftrage die, in der vorläufigen Empfangsbescheinigung vom 5. September 1939, gez. Dr. H. Neu aufgeführten, uns gehörigen Kunstgegenstände zu ihrer erhöhten Sicherheit an einen Ort verbracht, an dem sie aller Voraussicht nach vor Feindeinwirkungen weitestgehend geschützt sind.

Wir erklären uns mit allen zum Schutz der Gegenstände getroffenen und ggf. noch zu treffenden Maßnahmen für die Dauer des Krieges einverstanden. Wir sind darauf hingewiesen worden, dass eine etwaige Versicherung der Kunstgegenstände nach wie vor unsere Angelegenheit ist.

Der Vorsitzende des Presbyteriums gez. Bido, Pfarrer.“

Erstmals nach dem Kriege wird in einem Schreiben des Landeskonservators von Rheinland-Hessen-Nassau vom 2. Mai 1946 auf den Verbleib des Triptychons hingewiesen. In diesem Schreiben teilt der Landeskonservator mit, dass seinerzeit der Flügelaltar durch den Provinzialkonservator auf Schloss Crottorf, einem Wasserschloss bei Friesenhagen im Kreis Altenkirchen, verbracht worden war. Weiterhin heißt es in diesem Brief, dass die evangelische Gemeinde diesen Altar wieder zurückhaben möchte, und es wird um Auskunft gebeten, wie eine derartige Rückführung zu bewerkstelligen sei. Nach zahlreicher Korrespondenz ergab sich, dass das Tafelbild aus dem collecting point in Wiesbaden kurzfristig durch die Amerikaner nach Schloss Dyck bei Grevenbroich verbracht worden war, um dann wieder in Wiesbaden in dem Sammeldepot zu landen. Von dort kam es endlich im März 1949, nach zehnjähriger Abwesenheit, in die Felsenkirche zurück10).

Wegen der zahlreichen Schäden konnte jedoch das Triptychon nicht aufgestellt werden, sodass es nach kurzem Aufenthalt in der Felsenkirche abermals auf Reisen gehen musste: die Restauratorin Flinsch hatte es in ihrem Atelier in Gau-Bischofsheim restauriert, sodass es 1952 endlich wieder in der Felsenkirche aufgestellt werden konnte11), 12).

Dem Chronisten sei es verziehen, dass er bei der Beschreibung des Krankheitsbildes dieses für Idar-Oberstein so wichtigen Kindes auch auf dessen ,,Herzstück“ - selbst wenn es nicht von Geburt an eine Einheit mit ihm bildete - eingehen musste. So gesehen, ist eben das Altarbild nicht ,,nur“ ein Ausstattungsgegenstand, sondern auch die ,,Seele“ der Felsenkirche, ohne die ganz gewiss die Felsenkirche nicht das geblieben wäre, was sie heute neben der Baugeschichte hauptsächlich auch für die Kunstgeschichte bedeutet.

Es dürfte kein Zufall sein, dass die Nachkriegsgeschichte der Felsenkirche mit der Sorge der Gemeinde um das dreiflügelige Altarbild beginnt. Hier setzt nach dem Kriege auch die Tätigkeit der staatlichen Denkmalpflege ein, indem neben dem Bemühen um die Rückführung des Bildes aus ihren Mitteln auch die Restaurierung in Höhe von DM 1.400,- bezahlt wurde13).

Mehr als an anderen historischen Kirchengebäuden bedarf es wegen der exponierten Lage der Felsenkirche einer immerwährenden Sorgfalt, die nur zu vergleichen ist mit derjenigen an unseren Burgen und Schlössern, die teilweise ähnlich spektakulär in die Topografie eingebunden sind.

Zu Beginn des Jahres 1959 wurde von dem ortsansässigen Malermeister Stoltz der Innenraum der Kirche farbig neu gefasst. Anlässlich einer diesbezüglichen Besprechung konnte die staatliche Denkmalpflege feststellen, dass diese Arbeiten im Großen und Ganzen einen fachlich guten Verlauf nahmen, baten jedoch, einen Kirchenmaler für die weiteren farbigen Fassungen hinzuzuziehen14). Mit Schreiben vom 19.1.1959 schildert dann der Kirchenmaler und Restaurator Velte seine Eindrücke, die er anlässlich eines Besuches in der Felsenkirche gewonnen hatte, wie folgt:

,,Bei meinem Besuch am 13. Januar 1959 waren die Wände der Kirche fertig gestrichen. Die gelblichen Wandteile und Fensternischen wurden ebenfalls im hellen Wandton überstrichen. Die Arkadenbogen wurden grau betont und mit 3 cm breiten Begleitlinien versehen.

An der Holzdecke wurden die rot angesetzten Absetzungen am Balkenwerk für gut befunden, jedoch der Farbton etwas verändert (englischrot).

Die Gewölberippen, die Fenstergewände und die Steinepitaphien wurden in einem warmen Graufarbton nochmals lasiert. An der Orgelempore wurde die Untersicht in englischrot gestrichen.

Die sichtbaren Felsenteile in der Kirche mussten in Grau belassen werden, da sie im Wandton gestrichen ungünstig wirkten.

Weiter habe ich vorgeschlagen, die vorhandenen Goldabsetzungen an den Emporen und an der Kanzel mit echtem 22 Karat Rollengold neu zu vergolden.

Die Bänke werden im Farbton der Empore (alteiche) neu lasiert, die Buchbretter und die Abdeckprofile an den Bankköpfen in einem Schwarzgrau gestrichen, die Buchbrettleisten in englischrot abgesetzt. . . ."15)

Dieser Bericht schildert den Zustand des Innenraumes, wie er bis zur letzten Renovierung Bestand hatte.

Für das Gesamtkunstwerk Felsenkirche ist es nicht unerheblich, dass Dr. Rentsch vom Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn im Jahre 1961 im Rahmen einer von der UNESCO geförderten internationalen Gemeinschaftsarbeit die mittelalterlichen Glasmalereien der Felsenkirche in das ,, Gorpus Vitrearum“ aufgenommen hat16)

Im Jahre 1964 stellte man fest, dass der Außenputz an der Felsenkirche, anlässlich der Renovierung in den Jahren 1928/29 angebracht, an verschiedenen Stellen gerissen und sich mehrfach gelöst hatte17). Dieser Schaden trat auf, da man damals den Außenputz aus Beton hergestellt hatte, dessen Eisenarmierungen durch Rost die Putzschichten aufgesprengt hatte. Die Kosten für diese Ausbesserungsarbeiten beliefen sich auf DM 3.000,-, von denen DM 2.000,- die staatliche Denkmalpflege übernahm18).

Nicht zuletzt durch die Ausbesserungsarbeiten am Putzwerk der Felsenkirche war ein neuer Außenanstrich notwendig geworden, der jedoch nach Aussage der Kirchengemeinde erst nach der anstehenden und unbedingt notwendig gewordenen Felsbereinigung durchgeführt werden sollte. Die Diskussion um den sog. ,,grünen Tarnanstrich“ der Felsenkirche begann damals bereits, zumal man behauptete, dass dieser auf einen Vorschlag der rheinischen Denkmalpflege zurückzuführen sei19). In einem Schreiben vom Oktober 1974 betont die rheinland-pfälzische Denkmalpflege hingegen, dass man vorsorglich darauf hinweisen muss, dass bei einem so einzigartigen und nicht nur für das Stadtbild wichtigen Baudenkmal die neue Farbgebung gründlich überlegt werden müsse. Den grünlichen Anstrich halte man nicht für glücklich, denn gerade die Vorstellung über die Farbgebung mittelalterlicher Kirchen habe sich im Laufe der Zeit dahingehend entwickelt, dass z.B. eine neue Farbfassung das Bauwerk vom natürlichen Hintergrund als ein eigenständig geformtes Kunstwerk durchaus abheben sollte, ohne deswegen in Disharmonie mit der Natur zu treten; dies sei eine Konzeption, die bei Restaurierungen von Kirchen und auch Burgen allgemein zugrunde gelegt werde.

In den folgenden Jahren trat das Problem um die neue Farbgestaltung der Felsenkirche aus den bereits erwähnten Gründen in den Hintergrund.

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Bild 59

Im Jahre 1976 musste das Altarretabel abermals auf eine Reise gehen, denn es wurde im Frühjahr dieses Jahres zu einer Ausstellung nach Frankfurt entliehen. Im Gegensatz zu den vorherigen Verschickungen handelte es sich diesmal nicht um eine Sicherungsverwahrung bzw. um einen ,,Kuraufenthalt“, sondern vielmehr um eine Zurschaustellung dieses sehr wertvollen Bildes. So begrüßenswert wie es einerseits ist, dass derartige Kunstgegenstände einer sehr breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden, so muss man andererseits betonen, dass derartige Verleihungen mir äußersten Gefahren für das Objekt selbst verbunden sind. Der dabei immer wieder angesprochene Versicherungswert kann in keiner Weise dem eigentlichen Wert des Kunstgegenstandes gerecht werden. Die Tatsache, dass man anlässlich dieser Ausstellung im Liebig-Haus in Frankfurt von der Museumsleitung darauf aufmerksam gemacht wurde, dass das Bild dringend restauriert werden müsse, da sich an vielen Stellen die Farbe vom Untergrund abhebe21), kann man nur in hypothetischer Weise ursächlich mit derartigen Reisen von Kulturgütern in Verbindung bringen. Jedenfalls führte diese Schadensfeststellung anlässlich der Frankfurter Zurschaustellung zu einem größeren ,,Kuraufenthalt“ in den Werkstätten der renommierten Restauratorenfirma Pracher nach Würzburg. Sowohl die angewandten ,,Kurmittel“ als auch die Beschreibung des Zustandes des ,,Patienten“ wird an anderer Stelle dieser Festschrift gewürdigt.

Parallel zu den Restaurierungsarbeiten der Felsenkirche und deren Altarbild fand die umfangreiche Felssicherung und der Einbau eines Tunnelstollens zur Verbesserung des Aufganges zur Felsenkirche statt.

Kurz nach Rückkehr des Altarbildes begannen auch die Malerarbeiten an der Kirche, sodass die staatliche Denkmalpflege anlässlich eines Besuches am 19.8.1980 in der Felsenkirche feststellen konnte, dass die für die Innenausmalung der Kirche vorgesehene weiße Farbe bereits gekauft worden war. Dies war aus konservatorischen Gründen nicht zu bemängeln, denn ein sog. Kirchenweiß konnte, hauptsächlich weil kein originaler Farbbefund zu erwarten war, akzeptiert werden. Bei einem weiteren Besuch der staatlichen Denkmalpflege in der Felsenkirche stellte der amtliche Restaurator nach der Untersuchung der Rippen im Seitenschiff, wie folgt, fest:

,,Unter der jetzt sichtbaren gelblichen Sandsteinlasur befinden sich noch größere Reste einer Goldockerfassung, basierend auf einem sehr weißen, weichen Kalkanstrich. Auf dem kleinen Wappenschild der Rippenkonsole im Kirchenschiff sind ebenfalls Farbreste gefunden worden; sie betreffen einen Rot- bzw. Ockerfarbton. Eine genauere Untersuchung unter Zuhilfenahme eines Gerüstes solle feststellen, ob weitere originale Farbigkeit anzutreffen sei“22).

Diese Untersuchung konnte dann am 11.2.1981 durchgeführt werden; sie führte zu folgendem Ergebnis:
 

1. Wand- und Gewölbeanstrich.

Im Innenraum der Kirche auf Wand- und Gewölbeflächen kommt der gleiche gebrochene weiße Farbton zur Anwendung, wie er bereits an der Fassade verarbeitet wurde. Im Sockelbereich müssen jedoch die Dispersionsfarbanstriche (im Sockel schwarz, auf der unteren Wandfläche weiß) vor dem mineralischen Neuanstrich entfernt werden.
 

2. Rippen, Spolien, Konsolen.

Die Architektur des Innenraumes wird nach Befund in einem Ockerfarbton gefasst... . Der Ockerfarbton wird auf einer Weißunterlage verarbeitet, analog des historischen Anstrichaufbaus. Eine anschließende Gliederung der Rippen wird mittels weißer Fugenstriche, welche identisch sein sollen mit den tatsächlichen Versatzfugen der Rippensteine, durchgeführt.
 

3. Figürliche Rippenkonsole auf der Empore, nördliches Seitenschiff.

Die bildhauerisch sehr schön in gelb-grünem Sandstein gearbeitete Konsole wird analog eine mittelalterliche Inkarnatsfassung erhalten.
 

4. Rautenwappen im Maßwerk sowie auf der darüberliegenden Konsole unter einer Rippenspolie im Langhaus, Nordwand.

Die beiden Wappenschilde, gleiche Darstellung, werden wieder in ihren heraldischen Farben gefasst. Hierzu wird Kontakt mit dem örtlichen Museum aufgenommen, um die richtige Farbigkeit zu klären.
 

5. Reinigung der Grabmale.

Alle Grabmale, drei große, ein kleines, befinden sich in einem sehr guten Zustand. Hier wird nur mit klarem Wasser eine Oberflächenreinigung durchgeführt. Der Einsatz von Reinigungspasten, Säuren etc. sowie anschließendes Hydrophobieren und Lasieren ist in diesem Falle nicht notwendig und kommt somit auch nicht zur Durchführung.

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Bild 60: Sebastiansbild während der Reinigung

6. Inventar wie Orgel, Kanzel, Herrenstuhl, Kirchengestühl.

Alle notwendigen Maßnahmen an den o.g. Einrichtungsgegenständen werden bei einem der nächsten Ortstermine besprochen und festgelegt.“23)

In den darauf folgenden Wochen fanden mehrere Besprechungen aller Beteiligten statt, die zum Ziele hatten, die Restarbeiten an der farbigen Fassung zu einem allseits befriedigenden und harmonischen Ende zu führen. Hierbei wurde sowohl auf die Innenausstattung als auch auf die Wünsche des Presbyteriums sowie auf die bereits vorhandene farbige Fassung der Kirche Rücksicht genommen.

Der Befund an den gotischen Rippen im Innenraum war mitbestimmend für die Entscheidung, die bei den Renovierungsmaßnahmen 1927/28 veränderten Gewände der gotischen Fenster sowohl im Innen- als auch im Außenbereich gleichmäßig mir dem gelblichen Farbton zu behandeln. So trägt u.a. die einheitliche Behandlung der Außenwände und der Architekturgliederungselemente zu einer Zusammenfassung des historischen Gebäudes bei. Durch den Auftrag dieser Farbe, selbst auf die nur torsohaften Gewölbeanfänger im Innenraum der Kirche, soll dem Besucher angedeutet werden - quasi in einer musealen Phase - dass die ursprüngliche gotische Architektur nicht mehr überall vorhanden ist, man diese jedoch sich in einer Art gedanklichen Rekonstruktion vorstellen kann.

Den Bürgern von Idar-Oberstein und Umgebung mag dieses neue Kleid ihrer Felsenkirche zunächst überhaupt nicht behagt haben, was u.a. darin begründet ist, dass der grünliche Tarnanstrich bereits in ihr Bewusstsein so tief eingewurzelt war, dass er fast als historisch angesehen wurde. Übersteigert wird dieses subjektive Empfinden ganz gewiss noch dadurch, dass der Felsen durch seine Betonkosmetik einen sehr unnatürlichen Eindruck erweckt und dadurch die Kirche ein der Natur widersprechendes Passepartout umgibt. Wenn man davon ausgehen möchte, dass die Felsenkirche gerade von dieser natürlichen Umgebung am steilen Felshang in ihrem Erscheinungsbild lebt, so ist festzuhalten, dass diese fremdartige Umgebung jetzt leider nur wie eine Theaterkulisse aus Pappmaschee wirkt. Neben dieser sicher sehr hart klingenden Kritik darf man jedoch nicht vergessen, dass der Felsen, der im Laufe der Jahrhunderte so viel Ungemach über die Kirche verbreitet hatte, nur durch gewaltsame Maßnahmen ,, beruhigt“ werden konnte.

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Bild 61

Mit Dehio kann man deswegen nur klagen:
,,...die Ärzte sind gefährlicher geworden als die Krankheit selbst; sie haben mit ihren höllischen Latwergen in unseren Tälern, unseren Bergen weit schlimmer als die Pest getobt“24).

Die Narben dieser Operation am Felsen mögen im Laufe der Jahre verheilen, sodass allmählich eine natürliche Patina dieselben bedeckt.

Angesichts der Tatsache, dass die Felsenkirche in erster Linie dem Fremdenverkehr als Attraktion dient und in ihr lediglich noch einige Gottesdienste während des Jahres abgehalten werden, ist es besonders beachtenswert, dass sich die evangelische Kirchengemeinde Oberstein in so hervorragender Weise immer wieder für die Pflege dieses Idar-Obersteiner Lieblingskindes einsetzt. Nicht zuletzt deswegen sollte festgehalten werden, dass die Kosten der Renovierungs- bzw. Restaurierungsarbeiten in Höhe von DM 61.000,- für die Jahre 1978/80 allein von ihr - ohne jeglichen Zuschuss der öffentlichen Hand - aufgebracht wurden. Dank der sparsamen Haushaltsführung und des sehr hohen Anteiles der Eigenleistung beliefen sich die Kosten für die 1981 endgültig abgeschlossenen Arbeiten lediglich noch auf DM 27.500 von denen die staatliche Denkmalpflege DM 10.000 übernehmen konnte.

Dem Chronisten sei es am Ende seines zur Fünfhundertjahrfeier verfassten Berichtes gestattet, der Jubilarin Felsenkirche zu wünschen, dass diese Festschrift unter anderem dazu beitragen möge, die Bedeutung dieses Kleinods am Felsen - über die Festwoche hinaus - einem noch größeren Kreis von Menschen näher in das Bewusstsein zu rücken.

Letztlich kann nur eine sehr breite Öffentlichkeit in ihrer vielschichtigen Pluralität durch tatkräftige Hilfe die Eigentümer in ihrer Verpflichtung für die Erhaltung und Pflege dieses Kulturdenkmals auf Dauer unterstützen.

 

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