Dem Chronisten, der über den Ablauf der
letzten Sanierungsarbeiten berichten darf, fällt schon bei der Suche nach einem
geeigneten Anfang auf, dass dies ein schwieriges Unterfangen ist, zumal er weiß, dass
kompetente Leute über die Geschichte der Felsenkirche bereits an anderer Stelle dieser
Festschrift maßgeblich zu Wort gekommen sind. Es bleibt - da es sich bei dem Chronisten
um einen Denkmalpfleger handelt - nicht aus, dass er in die Geschichte der vielfältigen
Arbeiten an dieser sehr spektakulär situierten Kirche einsteigt, um sozusagen die
jetzigen Maßnahmen nicht im geschichtslosen Raum schweben zu lassen.
Wenn man anlässlich der 500-Jahrfeier der Felsenkirche zu Oberstein eine
Festwoche veranstaltet und dazu eine Festschrift herausgibt, so kann man davon ausgehen,
dass sich die Jubilarin nicht in einem desolaten Zustand präsentiert. Dies bedeutet
jedoch nicht unbedingt, dass das zu besprechende Objekt immer gesund gewesen ist, vielmehr
muss man annehmen, dass Renovierungs- bzw. Restaurierungsarbeiten eben ihre Ursache in
,,Krankheiten haben, die es zu beseitigen gilt, damit das Objekt möglichst lange
überlebt, zumindest jedoch sich während der Festzeit im allerfeinsten Gewand den
Festgeladenen darstellt. Vergleicht man weiterhin die Felsenkirche mit einem Jubilar aus
Fleisch und Blut, so kann man nur hoffen, dass derjenige, der die Therapie aufgrund einer
Krankengeschichte verordnet, auch die vorhergehenden Krankheiten analysiert hat. Wie so
üblich, geht man zur Geburtsstunde zurück und entdeckt, vorausgesetzt man nimmt an, dass
das Festjahr 1984 nicht willkürlich gewählt ist, dass die Geburtsstunde im Jahr 1484
geschlagen haben muss. Bei der Untersuchung des Embryonalzustandes ergibt sich, dass die
Geburtshelfer, d.h. die damals für die Erbauung der neuen Kirche Verantwortlichen,
bereits 1482 auf Bitten der Bürger, den Plan eines Erweiterungsbaues der Felsenkapelle in
Erwägung gezogen hatten, weil sich in der Enge des Ortes Oberstein kein geeigneter
Bauplatz fand. Am 23. August 1482 traf dann auch die päpstliche Genehmigung ein, und am
10. Januar 1484 konnte der Neubau eingeweiht werden1). In der Tat bestätigt sich
hier die Vermutung, dass was sich 1984 zum 500. Male jährt, nicht die Geburt, sondern
eigentlich die Taufe des Neugeborenen ist. Die eigentliche Geburtsstunde muss sich demnach
folgerichtig im Jahr 1483 vollzogen haben. In diesem Jahr ist Martin Luther geboren
worden, dessen 500. Geburtstag wir im vergangenen Jahr ebenfalls feiern konnten und dessen
Lehren erst im Jahre seines Todes, 1546, in Oberstein Eingang gefunden haben. Nach
längeren Streitigkeiten um die konfessionelle Zugehörigkeit der neuerbauten Kirche nach
dem Prinzip cuius regio, eius religio konnte sich 1641 der Protestantismus
endgültig im Obersteiner Gebiet festsetzen. Die katholische Kirchengemeinde erhielt 1684
unter den Franzosen am Marktplatz eine eigene Kirche2).
Es ist sicher, dass die sog. Felsenkirche 1484 dieselben
Ausmaße hatte, die man heute noch antrifft.
Der Felsen, an dessen Steilhang die Kirche gebaut ist und der für die
Geschichte von Oberstein von so eminenter Bedeutung wurde - nicht zuletzt steht auf ihm
das alte Schloss - hat seinen Einfluss auch in negativer Weise auf die Geschicke der von
ihm eigentlich zu beschützenden Kirche wirksam werden lassen. Selbst der benachbarte
Felsen - auf dem das sog. Neue Schloss errichtet ist - versetzte die Bevölkerung mehrfach
in Schrecken. Es wird berichtet, dass bereits 1650 die Ostmauer des Neuen Schlosses
gebrochen war und den Berghang hinabrollte bis zu der alten Pfarrwohnung am Marktplatz.
Felsstürze bedrohten immer mehr die Kirche und die Häuser unterhalb der Felsen. 1660
wurde so das Haus eines Wollwebers zerschlagen; zwei seiner Kinder waren auf der Stelle
tot, die Frau und ein weiteres Kind schwer verletzt3). Das Strohdach der Felsenkirche
hatte man 1724 durch Schiefer ersetzt. Achtzehn Jahre später hatte der größte
Felssturz, den die Kirche bis dahin erlebt hatte, das neu beschieferte Dach und das
gotische Rippengewölbe des Kirchenschiffes zerstört. Die Bevölkerung zeigte sich immer
mehr beunruhigt, und zum Aufbau hatte man keine Lust, denn keiner wollte sich zukünftig
beim Gottesdienst einer lebensbedrohenden Gefahr aussetzen. Erst zwei Jahre später, also
im Jahre 1744, konnte die Kirche wieder eingeweiht werden, nachdem zu dem Wiederaufbau
vielerlei Spenden zur Erneuerung, nicht nur aus Kreisen der Bevölkerung, sondern auch von
weither zusammengekommen waren. Da es jedoch nicht zur Wiederherstellung des gotischen
Rippengewölbes ausreichte, überspannte man, als einfachere Lösung, das Schiff mit einer
Tonne, wie dies in der Barockzeit öfters gemacht wurde4).
Nahezu einhundert Jahre blieb der Felsen nunmehr ruhig, denn
erst 1838 geriet er wieder in Bewegung. Die evangelische Gemeinde beriet nun in aller
Ruhe, ob es nicht zweckmäßiger sei, an anderer Stelle in der Stadt eine neue Kirche zu
erbauen, um dieser nicht zu kontrollierenden Gefahr einfach aus dem Wege zu gehen und auch
die Beschwernis des steilen Anstieges zur Kirche abzuschaffen. Aus Kostengründen konnte
dies jedoch nicht bewerkstelligt werden, sodass man sich zunächst mit einer Reparatur
begnügte. Zwanzig Jahre später stand man jedoch wieder vor dem gleichen Problem, und kam
auch damals nicht weiter, sondern gab lediglich dem Turm die Gestalt, die er noch bis 1928
/29 beibehalten hat. Die Gedanken um eine Neuplanung an anderer Stelle kamen jedoch wegen
des sich nicht beruhigenden Steinschlages und des beschwerlichen Aufstieges nicht zur
Ruhe, sondern wurden auch durch die Tatsache gefördert, dass die Bevölkerung ständig
zunahm und in der Kirche am Felsen kein rechter Platz mehr war. 1822 gründete man dann
einen Kirchenbaufonds, und ein Bauplatz wurde 150 m flussaufwärts - ziemlich dicht an der
Hauptstraße - erworben, auf dem 1916 der Neubau errichtet werden sollte. Der
ausgebrochene Krieg verhinderte zunächst den Neubau, und nach demselben verschlang die
Inflation den gesamten Kirchenbaufonds, sodass das Vorhaben ausgesetzt und zunächst aus
den Gedanken der Bevölkerung gewichen war.
Vermutlich als späte Auswirkungen der Romantik rückte die
Felsenkirche immer stärker in den Mittelpunkt des Interesses der Bevölkerung, dies nicht
nur als Kirche, sondern viel mehr noch als Wahrzeichen und Attraktion der Stadt.

Bild 58: Farbliche Erneuerung
Es ist bemerkenswert, dass bereits 1925 die Felsenkirche nach dem
Denkmalschutzgesetz für das Großherzogtum Oldenburg vom 18. Mai 1911 unter Schutz
gestellt worden war, also über ein halbes Jahrhundert bevor - nach der Gründung des
Landes Rheinland-Pfalz - im Jahre 1978 das zurzeit gültige Denkmalschutz- und
-pflegegesetz verabschiedet wurde. Der Regierungspräsident mit Sitz in Birkenfeld ließ
den baulichen Zustand der Kirche genauestens untersuchen, und man beschloss daraufhin eine
gründliche Renovierung, die auf lange Sicht Bestand haben sollte. Der damalige
Generalkonservator und spätere Ministerialdirigent Dr. Hiecke nahm von Berlin einen
bestimmenden Einfluss auf die Umbaumaßnahmen der Felsenkirche, indem er unter anderem den
Architekten Heilig aus Darmstadt empfahl5).
Die Renovierungs- und Umbaumaßnahmen der Jahre 1927 bis 1929
verschlangen eine Menge Geld. Eine Inschrift am großen Pfeiler neben der Quelle
beschreibt die Erinnerung an diese Maßnahmen der Renovierung, wie folgt:
,,DIE FELSENKIRCHE VON OBERSTEIN WURDE ERNEUERT IN DEN JAHREN
1927 -29 IM AUFTRAG DER OLDENBURGISCHEN REGIERUNG IN BIRKENFELD UNTER DEM
REGIERUNGSPRÄSIDENTEN DÖRR DURCH DEN ARCHITEKTEN HEILIG WÄHREND DER AMTSZEIT DES
PFARRERS ROTH. AN DER AUFBRINGUNG DER MITTEL HABEN SICH BETEILIGT: DAS REICH, PREUSSEN,
DER FREISTAAT OLDENBURG, DER LANDESTEIL BIRKENFELD, DIE LANDESKIRCHENKASSE UND DIE
KIRCHENGEMEINDE OBERSTEIN.
Die Leistung von Architekt Heilig muss heute noch als
bedeutsam bezeichnet werden. Heilig betont - 25 Jahre nach der Maßnahme - in einem
Schreiben, dass die Trockenlegung der Jahre 1927/29 mit all ihren technischen
Manipulationen das gehalten habe, war er einstens versprochen hatte.
Unabhängig von dieser Leistung muss es dem Konservator nach
nunmehr über fünf Jahrzehnten gestattet sein, auch kritische Anmerkungen über die
Renovierung der Felsenkirche festzuhalten, dies umso mehr, als die Renovierung von damals
heute noch das Erscheinungsbild der Felsenkirche prägt. Durch die Beseitigung der
barocken Tonnenwölbung und das Einziehen einer flachen Holzbalkendecke wurden die hohen
und breiten gotischen Fenster wieder völlig freigestellt. Andererseits wurden wertvolle
baugeschichtliche Relikte und Hinweise verbaut, wie man auch ganz allgemein feststellen
muss, dass eine puristische Bereinigung sowohl am Innenraum als auch an dem äußeren
Erscheinungsbild der Kirche stattgefunden hatte. Da jedoch diese puristische Grundhaltung
sich nicht auf die ehemalige gotische Substanz zurückgezogen hatte, entstand durch die
Handschrift Heiligs mehr ein Dokument des damaligen Stilempfindens als ein
Herauskristallisieren der mittelalterlichen Bausubstanz. Selbst barocke Einbauten wie die
Kirchenbänke und andere Ausstattungsstücke wie Emporenteile usw. wurden radikal
beseitigt.
Es mag durchaus einen Architekten auszeichnen, wenn durch
seine Werke sowohl der Zeitstil als auch sein eigenes Stilempfinden zum Ausdruck kommt;
für die konservatorische Behandlung einer historischen Bausubstanz wäre jedoch mehr
Zurückhaltung und Respekt ihr gegenüber angebracht.
Diese Diskrepanz ist heute im Umgang mit historischer
Bausubstanz öfters spürbar, und sie wird andauern und peinlich bleiben, solange sich die
Architekten nicht darüber klar werden können, dass ein Kulturdenkmal nicht dazu geeignet
ist, sich und dem jeweils herrschenden Zeitgeist ein Denkmal zu setzen. Die staatliche
Denkmalpflege darf, ja sie sollte vielmehr, trotz vieler Niederlagen und auch eigener
Fehler nicht müde werden, ihrer Verpflichtung als ausgleichender Faktor im Umgang mit dem
uns allen überlassenen Kulturgut nach bestem fachlichen Wissen gerecht zu werden. Das
folgende - kommentarlos wiedergegebene - Doppelzitat möge den Chronisten aus der Gefahr
allzu heftiger Kritik befreien, da die beiden zitierten Herren für die retrospektive
Betrachtung dieser Maßnahme am geeignetsten erscheinen. Architekt Heilig schildert einen
gemeinsamen Besuch mit Dr. Hiecke in der Felsenkirche im Jahre 1952 wie folgt:
,,Gemeinsam in der Kirche stehend drückte er mir die Hand, indem er erklärte:
,,Eine Farbensymphonie, wie ich sie selten gesehen habe, im Ganzen betrachtet eine jener
wenigen restlos gelungenen Instandsetzungen, die besonders hervorzuheben ist, weil sie
einem Neubau fast gleichkommt, ja, durch die Art und Weise der Trockenlegung das übliche
Ausmaß eines Neubaues noch übersteigt.6)
Bereits seit 1927 - kurz vor dem Beginn der
Renovierungsarbeiten - konnte man auch abends die Konturen dieses Kleinods oberhalb von
Oberstein durch eine installierte Scheinwerferanlage bewundern.
In geziemender Distanz, jedoch mit der Stadt und ihrer
Geschichte u. a. durch die Liebe der Bevölkerung engstens verbunden, erlebte die Kirche
dann auch die Vereinigung der beiden Gemeinden mit dem Zusammenschluss von Idar und
Oberstein zu einer Stadt am 1. Oktober 1933. Das Wunschkind der mittelalterlichen Gemeinde
musste nun - 450 Jahre nach seiner Geburt - im Innern und Äußern neu gestaltet, als
Wahrzeichen der neuen Stadt Idar-Oberstein mit ansehen, wie es in das Großdeutsche Reich
zwangsweise mit übernommen wurde. Der Fels, der seiner behütenden Aufgabe nicht immer
ganz gerecht wurde, vielmehr seinen Schützling arg zerzaust hatte, zeigte sich während
der Wirren des letzten Weltkrieges sehr gnädig, denn die Bomben konnten ,,seiner
Kirche nichts zu leide tun. Lediglich in den letzten Kriegstagen wurden durch eine
sinnlose Sprengung der Brücke am Marktplatz einige Kirchenfenster teilweise beschädigt.
Die Sirene, neben dem Turn errichtet, ließ man auch heute in unserer von vielen
Friedensworten erfüllten Zeit bestehen, und so erinnert uns dieselbe an eine
unglückselige Zeit.
Unbeeindruckt von dem neuen Gewand der Kirche und den
Zeitläufen hielt die Bedrohung durch den Felsen für die Kirche weiterhin an, und so
löste sich am 6. August 1946, gegen 7 Uhr in der Früh, eine größere Masse Gesteins und
stürzte zu Tal. Die Kirche jedoch blieb glücklicherweise unversehrt.
Nahezu unlösbar mit der Geschichte der Felsenkirche und
deren Bedeutung ist - auch überregional betrachtet - die Existenz ihres mittelalterlichen
Altarbildes verbunden. 1927, während der Renovierungsarbeiten, quasi ,,wieder
entdeckt, beschäftigt es seitdem die Kunstgeschichte. Im Zusammenhang mit diesem
Bericht soll deshalb auf die Odyssee eingegangen werden, der sich das wertvolle Triptychon
während und nach dem Krieg unterziehen musste. Bereits 1927 ausquartiert, restauriert und
anlässlich der Ausstellung ,,Alte Kunst am Mittelrhein, die 1927 in Darmstadt
veranstaltet wurde, einem größeren Kreis vorgestellt, kehrte es 1929 in die Felsenkirche
zurück. Kurz vor Ausbruch des letzten Krieges begann im Herbst 1939 eine größere Reise,
die das Triptychon unternehmen musste, um es vor den Gefahren des bevorstehenden Krieges
zu schützen. Eine diesbezügliche Empfangsbescheinigung des Provinzialkonservators der
Rheinprovinz in Bonn hat folgenden Wortlaut:
,,Zum Zwecke der Bergung gegen Gefährdung im Kriege wurde
der o.g. Dienststelle für die Dauer des Krieges leihweise überlassen:
Laufende Nr. 1 Gegenstand: 1 Flügelaltar aus der
Felsenkirche in Oberstein (ohne Predella)
Eigentümer: Evangelische Kirchengemeinde in Oberstein
Bemerkungen: Kiste, in der das Altarbild verpackt ist, gehört der Kirchengemeinde.
Datum: 5. September 1939
Im Auftrage: gez. Dr. H. Neu.
Die evangelische Kirchengemeinde Oberstein bestätigt in
einer Erklärung vom 12. Juni 1940 dem Provinzialkonservator, wie folgt:
,,Der Provinzialkonservator hat im staatlichen Auftrage die,
in der vorläufigen Empfangsbescheinigung vom 5. September 1939, gez. Dr. H. Neu
aufgeführten, uns gehörigen Kunstgegenstände zu ihrer erhöhten Sicherheit an einen Ort
verbracht, an dem sie aller Voraussicht nach vor Feindeinwirkungen weitestgehend
geschützt sind.
Wir erklären uns mit allen zum Schutz der Gegenstände
getroffenen und ggf. noch zu treffenden Maßnahmen für die Dauer des Krieges
einverstanden. Wir sind darauf hingewiesen worden, dass eine etwaige Versicherung der
Kunstgegenstände nach wie vor unsere Angelegenheit ist.
Der Vorsitzende des Presbyteriums gez. Bido, Pfarrer.
Erstmals nach dem Kriege wird in einem Schreiben des Landeskonservators von
Rheinland-Hessen-Nassau vom 2. Mai 1946 auf den Verbleib des Triptychons hingewiesen. In
diesem Schreiben teilt der Landeskonservator mit, dass seinerzeit der Flügelaltar durch
den Provinzialkonservator auf Schloss Crottorf, einem Wasserschloss bei Friesenhagen im
Kreis Altenkirchen, verbracht worden war. Weiterhin heißt es in diesem Brief, dass die
evangelische Gemeinde diesen Altar wieder zurückhaben möchte, und es wird um Auskunft
gebeten, wie eine derartige Rückführung zu bewerkstelligen sei. Nach zahlreicher
Korrespondenz ergab sich, dass das Tafelbild aus dem collecting point in Wiesbaden
kurzfristig durch die Amerikaner nach Schloss Dyck bei Grevenbroich verbracht worden war,
um dann wieder in Wiesbaden in dem Sammeldepot zu landen. Von dort kam es endlich im März
1949, nach zehnjähriger Abwesenheit, in die Felsenkirche zurück10).
Wegen der zahlreichen Schäden konnte jedoch das Triptychon nicht aufgestellt
werden, sodass es nach kurzem Aufenthalt in der Felsenkirche abermals auf Reisen gehen
musste: die Restauratorin Flinsch hatte es in ihrem Atelier in Gau-Bischofsheim
restauriert, sodass es 1952 endlich wieder in der Felsenkirche aufgestellt werden konnte11), 12).
Dem Chronisten sei es verziehen, dass er bei der Beschreibung
des Krankheitsbildes dieses für Idar-Oberstein so wichtigen Kindes auch auf dessen
,,Herzstück - selbst wenn es nicht von Geburt an eine Einheit mit ihm bildete -
eingehen musste. So gesehen, ist eben das Altarbild nicht ,,nur ein
Ausstattungsgegenstand, sondern auch die ,,Seele der Felsenkirche, ohne die ganz
gewiss die Felsenkirche nicht das geblieben wäre, was sie heute neben der Baugeschichte
hauptsächlich auch für die Kunstgeschichte bedeutet.
Es dürfte kein Zufall sein, dass die Nachkriegsgeschichte der Felsenkirche mit
der Sorge der Gemeinde um das dreiflügelige Altarbild beginnt. Hier setzt nach dem Kriege
auch die Tätigkeit der staatlichen Denkmalpflege ein, indem neben dem Bemühen um die
Rückführung des Bildes aus ihren Mitteln auch die Restaurierung in Höhe von DM 1.400,-
bezahlt wurde13).
Mehr als an anderen historischen Kirchengebäuden bedarf es
wegen der exponierten Lage der Felsenkirche einer immerwährenden Sorgfalt, die nur zu
vergleichen ist mit derjenigen an unseren Burgen und Schlössern, die teilweise ähnlich
spektakulär in die Topografie eingebunden sind.
Zu Beginn des Jahres 1959 wurde von dem ortsansässigen Malermeister Stoltz der
Innenraum der Kirche farbig neu gefasst. Anlässlich einer diesbezüglichen Besprechung
konnte die staatliche Denkmalpflege feststellen, dass diese Arbeiten im Großen und Ganzen
einen fachlich guten Verlauf nahmen, baten jedoch, einen Kirchenmaler für die weiteren
farbigen Fassungen hinzuzuziehen14). Mit
Schreiben vom 19.1.1959 schildert dann der Kirchenmaler und Restaurator Velte seine
Eindrücke, die er anlässlich eines Besuches in der Felsenkirche gewonnen hatte, wie
folgt:
,,Bei meinem Besuch am 13. Januar 1959 waren die Wände der
Kirche fertig gestrichen. Die gelblichen Wandteile und Fensternischen wurden ebenfalls im
hellen Wandton überstrichen. Die Arkadenbogen wurden grau betont und mit 3 cm breiten
Begleitlinien versehen.
An der Holzdecke wurden die rot angesetzten Absetzungen am
Balkenwerk für gut befunden, jedoch der Farbton etwas verändert (englischrot).
Die Gewölberippen, die Fenstergewände und die
Steinepitaphien wurden in einem warmen Graufarbton nochmals lasiert. An der Orgelempore
wurde die Untersicht in englischrot gestrichen.
Die sichtbaren Felsenteile in der Kirche mussten in Grau
belassen werden, da sie im Wandton gestrichen ungünstig wirkten.
Weiter habe ich vorgeschlagen, die vorhandenen
Goldabsetzungen an den Emporen und an der Kanzel mit echtem 22 Karat Rollengold neu zu
vergolden.
Die Bänke werden im Farbton der Empore (alteiche) neu lasiert, die Buchbretter
und die Abdeckprofile an den Bankköpfen in einem Schwarzgrau gestrichen, die
Buchbrettleisten in englischrot abgesetzt. . . ."15)
Dieser Bericht schildert den Zustand des Innenraumes, wie er
bis zur letzten Renovierung Bestand hatte.
Für das Gesamtkunstwerk Felsenkirche ist es nicht unerheblich, dass Dr. Rentsch
vom Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn im Jahre 1961 im Rahmen einer von der
UNESCO geförderten internationalen Gemeinschaftsarbeit die mittelalterlichen
Glasmalereien der Felsenkirche in das ,, Gorpus Vitrearum aufgenommen hat16)
Im Jahre 1964 stellte man fest, dass der Außenputz an der Felsenkirche,
anlässlich der Renovierung in den Jahren 1928/29 angebracht, an verschiedenen Stellen
gerissen und sich mehrfach gelöst hatte17).
Dieser Schaden trat auf, da man damals den Außenputz aus Beton hergestellt hatte, dessen
Eisenarmierungen durch Rost die Putzschichten aufgesprengt hatte. Die Kosten für diese
Ausbesserungsarbeiten beliefen sich auf DM 3.000,-, von denen DM 2.000,- die staatliche
Denkmalpflege übernahm18).
Nicht zuletzt durch die Ausbesserungsarbeiten am Putzwerk der Felsenkirche war
ein neuer Außenanstrich notwendig geworden, der jedoch nach Aussage der Kirchengemeinde
erst nach der anstehenden und unbedingt notwendig gewordenen Felsbereinigung durchgeführt
werden sollte. Die Diskussion um den sog. ,,grünen Tarnanstrich der Felsenkirche
begann damals bereits, zumal man behauptete, dass dieser auf einen Vorschlag der
rheinischen Denkmalpflege zurückzuführen sei19).
In einem Schreiben vom Oktober 1974 betont die rheinland-pfälzische Denkmalpflege
hingegen, dass man vorsorglich darauf hinweisen muss, dass bei einem so einzigartigen und
nicht nur für das Stadtbild wichtigen Baudenkmal die neue Farbgebung gründlich überlegt
werden müsse. Den grünlichen Anstrich halte man nicht für glücklich, denn gerade die
Vorstellung über die Farbgebung mittelalterlicher Kirchen habe sich im Laufe der Zeit
dahingehend entwickelt, dass z.B. eine neue Farbfassung das Bauwerk vom natürlichen
Hintergrund als ein eigenständig geformtes Kunstwerk durchaus abheben sollte, ohne
deswegen in Disharmonie mit der Natur zu treten; dies sei eine Konzeption, die bei
Restaurierungen von Kirchen und auch Burgen allgemein zugrunde gelegt werde.
In den folgenden Jahren trat das Problem um die neue
Farbgestaltung der Felsenkirche aus den bereits erwähnten Gründen in den Hintergrund.

Bild 59
Im Jahre 1976 musste das Altarretabel abermals auf eine Reise gehen, denn es
wurde im Frühjahr dieses Jahres zu einer Ausstellung nach Frankfurt entliehen. Im
Gegensatz zu den vorherigen Verschickungen handelte es sich diesmal nicht um eine
Sicherungsverwahrung bzw. um einen ,,Kuraufenthalt, sondern vielmehr um eine
Zurschaustellung dieses sehr wertvollen Bildes. So begrüßenswert wie es einerseits ist,
dass derartige Kunstgegenstände einer sehr breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden, so
muss man andererseits betonen, dass derartige Verleihungen mir äußersten Gefahren für
das Objekt selbst verbunden sind. Der dabei immer wieder angesprochene Versicherungswert
kann in keiner Weise dem eigentlichen Wert des Kunstgegenstandes gerecht werden. Die
Tatsache, dass man anlässlich dieser Ausstellung im Liebig-Haus in Frankfurt von der
Museumsleitung darauf aufmerksam gemacht wurde, dass das Bild dringend restauriert werden
müsse, da sich an vielen Stellen die Farbe vom Untergrund abhebe21), kann man nur in hypothetischer Weise
ursächlich mit derartigen Reisen von Kulturgütern in Verbindung bringen. Jedenfalls
führte diese Schadensfeststellung anlässlich der Frankfurter Zurschaustellung zu einem
größeren ,,Kuraufenthalt in den Werkstätten der renommierten Restauratorenfirma
Pracher nach Würzburg. Sowohl die angewandten ,,Kurmittel als auch die Beschreibung
des Zustandes des ,,Patienten wird an anderer Stelle dieser Festschrift gewürdigt.
Parallel zu den Restaurierungsarbeiten der Felsenkirche und
deren Altarbild fand die umfangreiche Felssicherung und der Einbau eines Tunnelstollens
zur Verbesserung des Aufganges zur Felsenkirche statt.
Kurz nach Rückkehr des Altarbildes begannen auch die
Malerarbeiten an der Kirche, sodass die staatliche Denkmalpflege anlässlich eines
Besuches am 19.8.1980 in der Felsenkirche feststellen konnte, dass die für die
Innenausmalung der Kirche vorgesehene weiße Farbe bereits gekauft worden war. Dies war
aus konservatorischen Gründen nicht zu bemängeln, denn ein sog. Kirchenweiß konnte,
hauptsächlich weil kein originaler Farbbefund zu erwarten war, akzeptiert werden. Bei
einem weiteren Besuch der staatlichen Denkmalpflege in der Felsenkirche stellte der
amtliche Restaurator nach der Untersuchung der Rippen im Seitenschiff, wie folgt, fest:
,,Unter der jetzt sichtbaren gelblichen Sandsteinlasur befinden sich noch
größere Reste einer Goldockerfassung, basierend auf einem sehr weißen, weichen
Kalkanstrich. Auf dem kleinen Wappenschild der Rippenkonsole im Kirchenschiff sind
ebenfalls Farbreste gefunden worden; sie betreffen einen Rot- bzw. Ockerfarbton. Eine
genauere Untersuchung unter Zuhilfenahme eines Gerüstes solle feststellen, ob weitere
originale Farbigkeit anzutreffen sei22).
Diese Untersuchung konnte dann am 11.2.1981 durchgeführt
werden; sie führte zu folgendem Ergebnis:
1. Wand- und Gewölbeanstrich.
Im Innenraum der Kirche auf Wand- und Gewölbeflächen kommt
der gleiche gebrochene weiße Farbton zur Anwendung, wie er bereits an der Fassade
verarbeitet wurde. Im Sockelbereich müssen jedoch die Dispersionsfarbanstriche (im Sockel
schwarz, auf der unteren Wandfläche weiß) vor dem mineralischen Neuanstrich entfernt
werden.
2. Rippen, Spolien, Konsolen.
Die Architektur des Innenraumes wird nach Befund in einem
Ockerfarbton gefasst... . Der Ockerfarbton wird auf einer Weißunterlage verarbeitet,
analog des historischen Anstrichaufbaus. Eine anschließende Gliederung der Rippen wird
mittels weißer Fugenstriche, welche identisch sein sollen mit den tatsächlichen
Versatzfugen der Rippensteine, durchgeführt.
3. Figürliche Rippenkonsole auf der Empore,
nördliches Seitenschiff.
Die bildhauerisch sehr schön in gelb-grünem Sandstein
gearbeitete Konsole wird analog eine mittelalterliche Inkarnatsfassung erhalten.
4. Rautenwappen im Maßwerk sowie auf der
darüberliegenden Konsole unter einer Rippenspolie im Langhaus, Nordwand.
Die beiden Wappenschilde, gleiche Darstellung, werden wieder
in ihren heraldischen Farben gefasst. Hierzu wird Kontakt mit dem örtlichen Museum
aufgenommen, um die richtige Farbigkeit zu klären.
5. Reinigung der Grabmale.
Alle Grabmale, drei große, ein kleines, befinden sich in
einem sehr guten Zustand. Hier wird nur mit klarem Wasser eine Oberflächenreinigung
durchgeführt. Der Einsatz von Reinigungspasten, Säuren etc. sowie anschließendes
Hydrophobieren und Lasieren ist in diesem Falle nicht notwendig und kommt somit auch nicht
zur Durchführung.

Bild 60: Sebastiansbild während der Reinigung
6. Inventar wie Orgel, Kanzel, Herrenstuhl,
Kirchengestühl.
Alle notwendigen Maßnahmen an den o.g. Einrichtungsgegenständen werden bei
einem der nächsten Ortstermine besprochen und festgelegt.23)
In den darauf folgenden Wochen fanden mehrere Besprechungen
aller Beteiligten statt, die zum Ziele hatten, die Restarbeiten an der farbigen Fassung zu
einem allseits befriedigenden und harmonischen Ende zu führen. Hierbei wurde sowohl auf
die Innenausstattung als auch auf die Wünsche des Presbyteriums sowie auf die bereits
vorhandene farbige Fassung der Kirche Rücksicht genommen.
Der Befund an den gotischen Rippen im Innenraum war
mitbestimmend für die Entscheidung, die bei den Renovierungsmaßnahmen 1927/28
veränderten Gewände der gotischen Fenster sowohl im Innen- als auch im Außenbereich
gleichmäßig mir dem gelblichen Farbton zu behandeln. So trägt u.a. die einheitliche
Behandlung der Außenwände und der Architekturgliederungselemente zu einer
Zusammenfassung des historischen Gebäudes bei. Durch den Auftrag dieser Farbe, selbst auf
die nur torsohaften Gewölbeanfänger im Innenraum der Kirche, soll dem Besucher
angedeutet werden - quasi in einer musealen Phase - dass die ursprüngliche gotische
Architektur nicht mehr überall vorhanden ist, man diese jedoch sich in einer Art
gedanklichen Rekonstruktion vorstellen kann.
Den Bürgern von Idar-Oberstein und Umgebung mag dieses neue
Kleid ihrer Felsenkirche zunächst überhaupt nicht behagt haben, was u.a. darin
begründet ist, dass der grünliche Tarnanstrich bereits in ihr Bewusstsein so tief
eingewurzelt war, dass er fast als historisch angesehen wurde. Übersteigert wird dieses
subjektive Empfinden ganz gewiss noch dadurch, dass der Felsen durch seine Betonkosmetik
einen sehr unnatürlichen Eindruck erweckt und dadurch die Kirche ein der Natur
widersprechendes Passepartout umgibt. Wenn man davon ausgehen möchte, dass die
Felsenkirche gerade von dieser natürlichen Umgebung am steilen Felshang in ihrem
Erscheinungsbild lebt, so ist festzuhalten, dass diese fremdartige Umgebung jetzt leider
nur wie eine Theaterkulisse aus Pappmaschee wirkt. Neben dieser sicher sehr hart
klingenden Kritik darf man jedoch nicht vergessen, dass der Felsen, der im Laufe der
Jahrhunderte so viel Ungemach über die Kirche verbreitet hatte, nur durch gewaltsame
Maßnahmen ,, beruhigt werden konnte.

Bild 61
Mit Dehio kann man deswegen nur klagen:
,,...die Ärzte sind gefährlicher geworden als die Krankheit selbst; sie haben mit ihren
höllischen Latwergen in unseren Tälern, unseren Bergen weit schlimmer als die Pest
getobt24).
Die Narben dieser Operation am Felsen mögen im Laufe der
Jahre verheilen, sodass allmählich eine natürliche Patina dieselben bedeckt.
Angesichts der Tatsache, dass die Felsenkirche in erster
Linie dem Fremdenverkehr als Attraktion dient und in ihr lediglich noch einige
Gottesdienste während des Jahres abgehalten werden, ist es besonders beachtenswert, dass
sich die evangelische Kirchengemeinde Oberstein in so hervorragender Weise immer wieder
für die Pflege dieses Idar-Obersteiner Lieblingskindes einsetzt. Nicht zuletzt deswegen
sollte festgehalten werden, dass die Kosten der Renovierungs- bzw. Restaurierungsarbeiten
in Höhe von DM 61.000,- für die Jahre 1978/80 allein von ihr - ohne jeglichen Zuschuss
der öffentlichen Hand - aufgebracht wurden. Dank der sparsamen Haushaltsführung und des
sehr hohen Anteiles der Eigenleistung beliefen sich die Kosten für die 1981 endgültig
abgeschlossenen Arbeiten lediglich noch auf DM 27.500 von denen die staatliche
Denkmalpflege DM 10.000 übernehmen konnte.
Dem Chronisten sei es am Ende seines zur
Fünfhundertjahrfeier verfassten Berichtes gestattet, der Jubilarin Felsenkirche zu
wünschen, dass diese Festschrift unter anderem dazu beitragen möge, die Bedeutung dieses
Kleinods am Felsen - über die Festwoche hinaus - einem noch größeren Kreis von Menschen
näher in das Bewusstsein zu rücken.
Letztlich kann nur eine sehr breite Öffentlichkeit in ihrer
vielschichtigen Pluralität durch tatkräftige Hilfe die Eigentümer in ihrer
Verpflichtung für die Erhaltung und Pflege dieses Kulturdenkmals auf Dauer unterstützen.