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H. Peter Brandt: Aus der Geschichte der Felsenkirche
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Die Felsenkirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Zwei Weltkriege verwüsteten große Teile Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu direkten Kampfhandlungen kam es dabei in Idar-Oberstein im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten nicht. Trotzdem waren Elend und Not groß. Der Kuriosität halber mag erwähnt werden, dass die Felsenkirche im Zweiten Weltkrieg als öffentlicher Luftschutzbunker diente, womit die Nutzung quasi an die Zeit vor 500 Jahren anknüpfte. Vor 1939 war es zu dem seit rund 100 Jahren geplanten Bau einer zweiten evangelischen Kirche in Oberstein nicht mehr gekommen, und nach 1945, während der Inflation, der amerikanischen und französischen Besatzungszeit, konnte man zunächst auch nicht daran denken.

Doch nichts auf der Welt hat ewigen Bestand, und so gingen nun auch die Not- und Hungerjahre einmal wieder zu Ende. Im Jahre 1960 hatte die evangelische Kirchengemeinde Oberstein Geld genug, um den Neubau eines Gottes- und Gemeindehauses auf dem schon zu Beginn des Jahrhunderts erworbenen Gelände, Hauptstraße 392 - 394, in Angriff zu nehmen. Unter vier ,,gutachtlichen Vorentwürfen für den Bau eines Gemeindehauses mit Kirchsaal“ wurde ein Plan von Regierungsbaumeister Prof. Rudolf Krüger ausgewählt und in den Jahren 1961 - 65 die heutige Christuskirche errichtet. Die Gesamtkosten des Projekts beliefen sich bis zum Tage der Einweihung auf 1.635.795,31 DM.

Ob man heute - nach weniger als 40 Jahren - wieder so bauen würde, sei dahingestellt. Auf Kritik stoßen nach wie vor der mächtige Glockenturm und die vielen Treppen, welche man eigentlich im Hinblick auf die Felsenkirche vermeiden wollte (s. Bild Nr. 38).

Diese trat mit dem Neubau an der Hauptstraße zunächst in den Hintergrund: Sie ist seit dieser Zeit nicht mehr die Hauptkirche der Gemeinde, was sie fast 500 Jahre, selbst bei wechselnden Bekenntnissen, gewesen war. Seit 1965 finden nunmehr hier nur noch in den Sommermonaten Kurzgottesdienste statt, und natürlich wird - wegen der schönen historischen Kulisse - das alte Gotteshaus gern als Hochzeitskirche benutzt. Es gibt aber inzwischen viele Einheimische und Neubürger, welche sie noch nie von innen gesehen haben.
Parallel dazu aber gewann das Bauwerk aus ganz anderer Sicht immer mehr an Bedeutung. Die Zahl der Touristen aus aller Welt ist ständig im Steigen begriffen; bald werden es 150.000 Besucher im Jahr sein, welche den nach wie vor mühsamen Aufstieg zur Felsenkirche nicht scheuen und auch Verständnis dafür haben, dass hier im Gegensatz zu katholischen Gotteshäusern - ein Eintrittsgeld erhoben wird. Die Felsenkirche ist zum bestbesuchten kunsthistorischen Museum an der oberen Nahe geworden.

Wie sehr sich auch Zeiten und Anschauungen ändern mögen, es gibt Probleme, die immer die gleichen bleiben. Und dazu gehören auch die geologischen Verhältnisse dieser Gegend: ,,Die verschiedene Richtung und Ausbildung der (. . . .) Kluftsysteme, die Ergussgesteine mit ihrer unterschiedlichen Festigkeit, die Witterungseinflüsse, der Kluftwasser- und Strömungsdruck und die Schwerkraft sind Hauptursache der Steinschläge und Felsstürze am Schlossfels in Oberstein‘‘.

Am 6. August 1946 löste sich erneut eine größere Gesteinsmasse, ohne jedoch der Kirche zu schaden. Mitte der 70erJahre zwangen einige kleinere Steinschläge die Behörden wieder einmal zum Handeln. Die Eigentümer des Kirchfelsens - die Evangelische Kirchengemeinde Oberstein, die Stadt und das Land
Idar-Oberstein Rheinland-Pfalz - hätten im Zweifelsfall bei Schäden haftbar gemacht werden können, daher fand man sich 1977 zu einer Kostenteilung für die umfassendsten Felssanierungen in der Geschichte der Felsenkirche zusammen.

Geologische Gutachten werden erstellt, Vermessungen und Fallversuche durchgeführt. Schließlich baute man 1978/79 schwere Fangzäune mit bis zu 6 m hohen Stahlträgern im Abstand von 3 m mit einem Eigengewicht von bis zu 700 kg sowie waagerecht laufenden Stahlseilen mit einem Durchmesser von 2 cm und einer Bespannung aus Steinschlagschutzmatten.

Darüber hinaus wurde eine Sanierung der gesamten Felswand durchgeführt, wozu eine Arbeitsgemeinschaft auswärtiger Fachfirmen mit Beginn des Jahres 1980 das wahrscheinlich höchste Arbeitsgerüst in Europa erstellte (Höhe 70 m). Die schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich nun: Man fand tonnenschwere Felsbrocken, die fast lose in der Steilwand hingen. Das Gestein, das nicht zu halten war, musste mühsam von Hand zerkleinert und über das Gerüst abgefördert werden. Andere Felspartien wurden mit Sandstrahlgebläse bearbeitet, mit Baustahlgewebe überspannt, mit 1,4 m langen Steckankern befestigt und mit gefärbtem Spritzbeton überzogen. Insgesamt hat man auf diese Weise vom Gerüst aus 860 qm Felsfläche gesichert, wobei 260 m³ Spritzbeton verarbeitet, 370 laufende Ankerlöcher gebohrt und 84 Felsanker gesetzt wurden.

Es stellte sich allerdings heraus, dass das bereits im Betonwerk eingefärbte Material optisch überhaupt nicht mit dem Fels harmonierte, sodass an Ort und Stelle nach dem Einbau nochmals ein Anstrich mit einer Lehmbrühe zur besseren farblichen Anpassung durchgeführt werden musste. Trotzdem blieb das Ergebnis unbefriedigend. Vielleicht wird auch hier im Laufe der Zeit die natürliche Verwitterung die schlimmsten Wunden heilen.

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Bild 64

Als weitere Maßnahme zur Sicherheit der Besucher der Kirche wurde nach Beendigung der Felsbereinigung im August 1980 mit einem Tunnelbau begonnen, durch den künftig der einzige Eingang zum Gotteshaus führen soll. Das Tunnelprofil hat eine Breite von 2,20 und eine Höhe von 2,50 m. Die Tunnelstrecke, welche einen Höhenunterschied von 9,50 m überwindet, ist insgesamt 38 m lang und führt in einer leichten Krümmung zum Hauptschiff der Kirche. Im Frühjahr 1981 war die Gesamtbaumaßnahme ,,Felssicherungsarbeiten im Bereich der Felsenkirche Idar-Oberstein“ nach dreijähriger Bauzeit abgeschlossen, und die Kirche konnte wieder eröffnet werden. Die Kosten für diese aufwendigen Maßnahmen betrugen 3.271.620,61 DM, wohl mehr, als man je im Lauf der 500 Jahre verbaut hatte. Diese Summe wurde im Verhältnis von 40:40:20 vom Lande Rheinland-Pfalz, der Stadt Idar-Oberstein und der Evangelischen Kirchengemeinde Oberstein aufgebracht, wobei die Stadt zu ihrem Anteil einen Zuschuss des Landes aus dem Investitionsstock in Höhe von 200.000,- DM erhielt.

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Bild 39: Blick auf die Empore

Parallel zur äußeren Felssanierung, welche auch das Innere der Kirche durch Staub und Wassereinbruch in Mitleidenschaft zog, lief unter Mitwirkung des Landesamtes für Denkmalpflege eine Renovierung des Kircheninneren, der abschließend ein neuer äußerer Anstrich folgte. Fast alle alten Kunstwerke (Altarbild, Sebastiansbild, Apostelbilder, Grabplatten u.a.) wurden von Staub befreit und farblich neu aufgefrischt. Das ganze Gotteshaus erhielt einen neuen Innenanstrich, wobei die noch vorhandenen gotischen Gewölberippen nach Befund farblich abgesetzt wurden. In diesem Zusammenhang hat man auch die einzige Kopfkonsole, auf der eine Rippe des Seitenschiffgewölbes ansetzt, naturalistisch neu gefasst (Bild Nr.   13). Diese Maßnahmen wurden in hervorragender Weise von dem Würzburger Restaurator Peter Pracher durchgeführt. Sie kosteten rund 47.000,- DM; hinzu kamen noch Ausgaben für den Innenanstrich, für eine neue Elektroinstallation u.a. in Höhe von rund 57.000,- DM und rund 18.000,- DM für den Außenanstrich. Die Stadt Idar-Oberstein und das Land Rheinland-Pfalz (Landesamt für Denkmalpflege) haben sich an diesen Kosten mit 15.000,- DM bzw. 10.000,- DM beteiligt, wozu noch Spenden in Höhe von rund 15.000,- DM kamen.

Die 1929 eingebaute zweimanualige Orgel war durch die Staubentwicklung der Umbauarbeiten völlig unbrauchbar geworden. Unter Verwendung alter Pfeifen lieferte Orgelbauer Günther Wienands aus Pforzheim nunmehr für rund 45.400,- DM eine moderne Elektronik-Pfeifenorgel. Fast 29.000,- DM wurden dazu durch Spenden aufgebracht. Die Glasmalerei mit dem Stifterbildnis von 1482, die sich zuletzt in der Sakristei befand, wurde 1984 wieder an ihren möglichen ursprünglichen Platz, unten in einem der großen Fenster des Hauptschiffes eingebaut. Am meisten öffentliches Aufsehen erregte - wie bereits 1929 - der neue Außenanstrich, der sich natürlich gründlich von dem bisher gewohnten Erscheinungsbild des Gotteshauses unterscheidet. Den Kritikern sollte man drei Argumente entgegenhalten: Der neue Farbton passt besser zur Entstehungszeit des Gotteshauses als der bisherige; die nun verhältnismäßig grell erscheinende Farbe wird mit der Zeit nachdunkeln; schließlich gibt es sogar historische Bilder, auf denen eine weiße Felsenkirche zu sehen ist.
 

Fortsetzung:

Einleitung und Sage
Die Wirklichkeit
Die Vorgängerbauten
Der Umbau der Felsenkirche 1482/84 und deren Erstausstattung
Die Felsenkirche vom Ausgang des Mittelalters bis 1742
Zerstörung und Wiederaufbau der Felsenkirche 1742 - 1800
Felsstürze und Neubaupläne im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Renovierung 1927/29
Die Felsenkirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Zukunftsperspektiven der Felsenkirche

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