H. Peter Brandt: Aus der Geschichte
der Felsenkirche

Die
Renovierung 1927/29
In einer Zeit, als man an einen Neubau immer
noch nicht denken konnte, als die linken Rheinlande wieder von Franzosen besetzt und
Deutschland von wirtschaftlichen und politischen Krisen geschüttelt wurde, stellte sich
heraus, dass die Felsenkirche wegen Baufälligkeit einer dringenden Renovierung bedurfte.
Der kunstsinnige Regierungspräsident Walther Dörr hat sich um die Rettung dieses
einmaligen Bauwerkes bleibende Verdienste erworben.
Im Jahre 1926 forderte er den Obersteiner
Stadtbaumeister Schlossbauer und den in Langen bei Darmstadt lebenden Architekten Wilhelm
Heidrich zu einem Gutachten über den baulichen Zustand der Kirche auf. Beide getrennt
erhobenen Baubefunde unterstrichen beängstigend die Notwendigkeit einer umfassenden
Sanierung. ,,Das Wasser der Quelle im Kircheninneren lief über die zur Empore führenden
Stufen und steigerte den ohnehin sehr hohen Feuchtigkeitsgehalt der Luft außerordentlich.
Sämtliches Holzwerk, Verschalungen, Gestühl, Emporenbrüstungen, selbst tragende
Holzteile waren von Fäule so zerrissen, dass der Besuch der Kirche mit Lebensgefahr
verbunden war. Da sich die Kirchengemeinde selbst wie so oft in ihrer Geschichte -
nicht in der Lage sah, die erforderlichen Mittel aufzubringen, und die Inflation den
Kirchenbaufonds längst verschlungen hatte, bemühte sich Dörr sofort um Abhilfe: ,,Es
galt, einen Plan zu schaffen, das Baukapital sicherzustellen und dann zur Ausführung des
Werkes zu schreiten. Jede dieser Sonderaufgaben bot ihre eigenen Schwierigkeiten.
Bild 34: Schildmauer und große Fenster
Den Planungsauftrag erhielt der mit Dörr gut
bekannte Architekt Heilig, der in den 20er-Jahren zahlreiche öffentliche Aufträge im
Birkenfelder Land (Besatzungshäuser in Idar, Kriegerdenkmale in Herrstein, Hoppstädten
u. a., Bürgermeistereigebäude in Niederbrombach, Jugendherberge auf Burg Birkenfeld,
Bebauungspläne für Idar, Birkenfeld, Herrstein u.a.m.) erhalten hatte. Heilig war ein
hervorragender Architekt, dessen ,,Handschrift noch heute an der oberen Nahe
unverkennbar ist. Er schrieb übrigens auch ein Buch zum Thema ,,Stadt- und
Landbaukunde (Berlin 1935).
Bild 35: Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten
Weltkriegs
Zunächst galt es für Walther Dörr, die
Mittel für die Sanierung sicherzustellen. Das Oldenburger Finanzministerium war dem Plan
gewogen. Der Birkenfelder Landesausschuss stellte im Haushalt für 1927 40.000 Mark
bereit, und die Staatsregierung in Oldenburg legte aus der Zentralkasse noch einmal 20.000
Mark hinzu. Der Reichsminister für die besetzten Gebiete sowie der Reichsinnenminister
förderten das Vorhaben direkt, während sogar der Preußische Minister für
Volkswohlfahrt einen ,,namhaften Betrag aus einer preußischen Sammellotterie
beisteuerte. Selbstverständlich mussten auch Kirchengemeinde und Konsistorium zu den
Kosten beitragen. Vorsitzender des Kirchenvorstandes war in jenen Jahren Pfarrer Otto Roth
(1867 - 1934), der vor Ort mit ,,praktischem Sinn und seiner Fähigkeit zu
sachlicher Arbeit sehr kooperativ mit dem eigentlichen Träger der
Gesamtrenovierung, der oldenburgischen Regierung in Birkenfeld, zusammenarbeitete.
Es ist wohl auch Regierungspräsident Dörr
zu verdanken, dass das bedeutendste Stück des Kircheninventars, das mittelalterliche
Altarbild, in seinem Wert damals erkannt wurde. Ihm war bei seinen Besuchen in den
Nachkriegsjahren das Triptychon aufgefallen, das damals - übrigens ebenso wie das
Sebastiansbild - völlig unbeachtet hoch oben neben der Orgel hing (Bild Nr. 31). Er befürchtete in dem feuchten Raum den
Untergang des Werkes und machte erstmals - zunächst ohne Erfolg - verschiedene
öffentliche Stellen sowie den Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Heimatschutz
darauf aufmerksam. Bestärkt wurde er in seinen Bemühungen von seinem Jugendfreund, dem
bekannten Kunstmaler Rudolf Wild-Idar (1871 - 1960). Im Jahre 1926 lud Dörr den
ehemaligen Konservator des Oldenburger Augusteums zur Besichtigung des Bildes ein. Dieser
bestätigte zwar die Befürchtungen bezüglich der Gefährdung des Gemäldes, betonte auch
die Pflicht zur Erhaltung, verkannte jedoch den tatsächlichen Wert, indem er es lediglich
für eine Werkstattarbeit hielt. Dörr zog nun den Direktor des Hessischen Landesmuseums
in Darmstadt, Hofrat Friedrich Back, einen Sohn des gleichnamigen Birkenfelder
Gymnasialdirektors zu, der ein ,, entschiedenes kunstgeschichtliches Interesse
zeigte und die Arbeit sogleich erstaunlich korrekt räumlich und zeitlich zuordnete. Er
vermittelte den Darmstädter Restaurator Prof. Wilhelm Horst. Der Reichsminister für die
besetzten Gebiete sagte 1927 einen Zuschuss für die Rettung des Bildes zu, und der
Birkenfelder Maler Hugo Zang (1859 -1946) überwachte die sachgerechte Verpackung für den
Transport nach Darmstadt. Nach der Restaurierung des ,,bis zur Unkenntlichkeit
verwahrlosten Werkes wurde dieses noch im Sommer des gleichen Jahres in der
Sonderausstellung ,,Alte Kunst am Mittelrhein in Darmstadt gezeigt. Bei dieser
Gelegenheit konnte man es mit zwei weiteren Bildern aus Mainz und Darmstadt vergleichen,
welche man nunmehr ein und demselben Künstler zuschrieb, den man schon damals nach seinem
bedeutendsten Werk als ,,Meister des Obersteiner Altars bezeichnete. Zur Wiederweihe
1929 war dann das Triptychon an seinen ursprünglichen Platz zurückgekehrt: auf den Altar
der Felsenkirche in Idar-Oberstein, wo es seit dieser Zeit geblieben ist. (Bild Nr. 37).
Bild 36: Die (Bretter) Tonnendecke im Hauptschiff von
ca. 1750 - 1927
Um sich ein Urteil über die
Gesamtrenovierung 1927 /29 der Kirche bilden zu können, vergleiche man am besten die
Bilder vor und nach der Umgestaltung. (s. Bild Nr. 23, Nr. 29, Nr. 30, Nr. 31, Nr. 36, Nr. 37 und Nr. 39). Die
Gefährdung des Gotteshauses war in Wirklichkeit noch größer, als man ursprünglich
angenommen hatte. Diese technischen Probleme bekam man hervorragend in den Griff, (s.
Bilder Nr. 4 und Nr. 5);
die Kirche blieb erhalten. Architekt Heilig hat andererseits aber zu wenig Respekt vor der
historischen Leistung seiner Vorgänger gehabt, zu sehr den Bau dem Stil seiner Zeit
angepasst und seinen persönlichen Stempel aufgedrückt. Von Denkmalpflege in unserem
heutigen Sinne verstand er wenig.
Bild 37: Das Hauptschiff heute
Interessant - auch darin wird ein Wandel der
Anschauungen deutlich - sind die Kritikpunkte von 1929 im Vergleich zur Gegenwart. Damals
bemängelte man die Ausführung der neu geschaffenen Ehrentafel mit den Namen der im
Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne der Gemeinde (s. Bild
Nr. 35) und den Außenputz. Die Gedenktafel war den Menschen jener Zeit zu schlicht,
zu wenig imposant. Besonders aber regte man sich über die Farbe des Außenputzes auf,
welche Heilig durchaus mit Bedacht in einem grau-grünen Ton gehalten hatte. Das war eben
damals für die Obersteiner ebenso ungewohnt wie die fast weiße Farbe, welche man nunmehr
nach der Felsbereinigung in unseren Tagen wählte.
Aber an Farben kann man sich gewöhnen, zumal
derartige ,,Fehler später verhältnismäßig leicht wieder zu korrigieren sind.
Heute stören ganz andere Dinge. Da wäre an erster Stelle die Neugestaltung der
Turmspitze zu nennen, welche der Architekt mit der Entschuldigung vornahm, sie sei ja
ohnehin nicht mehr original gewesen. (s. Bilder Nr. 29
und Nr. 30). Die neue Form erinnert aber viel mehr an
Heilig (man vergleiche den Dachreiter auf der Bürgermeisterei in Niederbrombach oder die
Kirchturmspitze von Georg-Weierbach) als an die Gotik. Unverantwortlicherweise wurden auch
die auf alten Fotos noch zu sehenden - fast romanisch anmutenden - Schalllöcher
zugemauert. (s. Bilder Nr. 24 und Nr. 33). Was innen noch heute besonders negativ auffällt,
sind die Beleuchtungskörper (s. Bild Nr. 36), das
Gestühl und die Inschriften (z.B. der völlig stilwidrige Text unter dem Altarbild, s.
Bilder Nr. 37 und Nr. 39),
die alle einiges über die Zeit der Renovierung aussagen und kaum Rücksicht auf den
Befund und die Tradition des Bauwerkes nehmen.
Bild 38: Christuskirche in Oberstein
nach Plänen von Prof. R. Krüger, Saarbrücken, 1965
errichtet
Nun sollte man allerdings einem allein die
Schuld nicht geben. Der preußische Generalkonservator Ministerialrat Dr. Hiecke aus
Berlin begutachtete alle Pläne Heiligs und überwachte sogar deren Ausführung. Im
oldenburgischen Finanzministerium war man gleichfalls damit voll einverstanden. Jedes
Bauwerk atmet eben den Geist seiner Zeit, und wenn lange und häufig daran herumgebaut
wurde, wird eben der Geschmack vieler Zeiten sichtbar, und so sind in gewisser Weise auch
die Veränderungen an der Felsenkirche von 1927 /29 inzwischen schon zu einem Denkmal
geworden.
Fortsetzung:
Einleitung
und Sage
Die Wirklichkeit
Die Vorgängerbauten
Der Umbau der Felsenkirche 1482/84 und
deren Erstausstattung
Die Felsenkirche vom Ausgang des
Mittelalters bis 1742
Zerstörung und Wiederaufbau der
Felsenkirche 1742 - 1800
Felsstürze und Neubaupläne im 19.
und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Renovierung 1927/29
Die Felsenkirche in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts
Zukunftsperspektiven der Felsenkirche |