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H. Peter Brandt: Aus der Geschichte der Felsenkirche
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Felsstürze und Neubaupläne im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Mit den geänderten politischen Verhältnissen war auch eine neue Kirchenorganisation verbunden. Erst zu jener Zeit erfolgte die rechtliche Gleichstellung aller Konfessionen. Durch Verfügung des Birkenfelder Unterpräfekten verlor die Felsenkirche 1804 ihr ,, Läuteprivileg“. Am 26. Floréal des VIII. Jahres der französischen Republik - es war dies der 16. Mai 1805 alter Zeitrechnung - wurde ein lutherisches Lokalkonsistorium Idar gegründet, dem auch die Pfarrei Oberstein unterstand. Dem Leitungs- und Aufsichtsorgan dieser Institution gehörten neben sämtlichen Pfarrern der betroffenen Gemeinden auch sog. Notabeln an, die aus der Gruppe der 25 höchstbesteuerten Familienväter gewählt wurden. Aus Oberstein saß aus diesem Grunde neben dem alten Pfarrer Bartz auch der wohlhabende Handelsmann Georg Caesar, der 1807 wieder gewählt wurde.

Am 17. Januar 1809 tagte das Lokalkonsistorium erstmals in Oberstein, und zwar im Pfarrhaus am Marktplatz. Der seit 1769 hier amtierende Geistliche Joh. Philipp Bartz wurde in dieser Sitzung einstimmig an Stelle des verstorbenen ehemaligen Spezialsuperintendenten Joh. Gottlieb Gottlieb aus Idar - welcher der Sohn eines 1725 in der Felsenkirche getauften Juden war - zum Lokalkonsistorialpräsidenten gewählt. Auf Antrag von ihm wurde in der gleichen Sitzung ein weiteres weltliches Mitglied, nämlich der Friedensgerichtsschreiber Huber aus Oberstein, in dieses Gremium berufen. Präsident Bartz starb allerdings nach dreimonatiger Amtszeit am 24. April 1809. Zu Beginn eines Gottesdienstes in der Felsenkirche erlitt er einen Schlaganfall. Nachfolger als Obersteiner Pfarrer wurde Johannes Lichtenberger, der - jedoch vergeblich - für das Amt des Konsistorialpräsidenten kandidierte.

Das Idarer Lokalkonsistorium bestand nach dem Ende der Franzosenzeit 1813/14 fort. Das Land an der oberen Nahe kam zunächst unter eine gemeinsame österreichisch-bayerische Verwaltung 1814/15, danach kam Oberstein für 1½ Jahre zu Preußen und wurde sogar Sitz eines preußischen Landkreises. Der ehemalige Rhaunener Notar Ludwig Weyrich, der seit 1817 als weltlicher Adjunkt der lutherischen Kircheninspektion des Arrondissements Birkenfeld fungierte, nahm in seiner Eigenschaft als landrätlicher Kommissar die Vereidigung der Pfarrer auf den preußischen Staat vor. 1817 schließlich fiel Oberstein mit einem großen Teil des Gebietes an der oberen Nahe als ,,Fürstentum Birkenfeld“ infolge einer Entscheidung des Wiener Kongresses an das ferne Herzogtum Oldenburg. Alle glaubten damals an eine Übergangslösung; doch sollte sich zeigen, dass diese immerhin 120 Jahre bis 1937 Bestand hatte. Das Idarer Lokalkonsistorium ging 1817 organisch in der neuen Birkenfelder Landeskirche auf, die erst 1934 in die Rheinische Kirche überführt wurde.

Die oldenburgische Zeit ist heute noch bei der Bevölkerung - gewiss durch den zeitlichen Abstand mitbedingt - in guter Erinnerung. In dem Kleinstaat herrschte, obgleich er erst 1849/52 über eine Verfassung verfügte, ein verhältnismäßig liberaler Geist; das Militär spielte nicht eine so aufdringliche Rolle wie im benachbarten Preußen, und auch die Steuern waren nicht so hoch.

In den ersten Jahren der oldenburgischen Zeit hören wir auch 1826 erstmals nähere Einzelheiten über die - gewiss viel ältere - Quelle in der Felsenkirche, in der sich heute nur mehr Sickerwasser sammelt (Bilder Nr. 12 und Nr. 28). Sie steht möglicherweise ursächlich in Verbindung mit der natürlichen Höhle im Fels, in die man später die Kirche baute. Die Nachricht lautet:

,,In der Kirche befindet sich ein Brunnen, dessen klares Wasser aus dem Felsen hervorkommt. Hinter ihr ist die Felsenhöhle noch etwas erweitert, sodass man um sie herumgehen und das unten liegende Oberstein übersehen kann“.

Im 19. Jahrhundert wurde die Felsenkirche mehrfach durch herabstürzende Felsstücke beschädigt. Bereits 1836 tauchte aufgrund einer Anregung der Birkenfelder Kirchenvisitations-Kommission der Plan zum Bau eines neuen Gotteshauses im damaligen Pfarrgarten (gegenüber dem heutigen Kirchplatz an der Christuskirche; Bereich Tengelmann) auf. Stadtbürgermeister Caesar stellte - offenbar in seiner Eigenschaft als Privatmann - dafür eine Beihilfe von 300 Louisdor in Aussicht. Er war nebenbei noch als Geschäftsmann tätig und lebte in ,,notorisch glänzenden Verhältnissen“. Nachdem Caesar jedoch sein dem geplanten Bauplatz gegenüberliegendes Haus verkauft hatte, weigerte er sich, diese Summe zu geben, da er an dem Platz kein Interesse mehr hatte.

1838 wurde die Felsenkirche erneut durch herabfallende Felsen getroffen. Da die Neubaufrage nach wie vor an den Kosten scheiterte, entschloss man sich wieder zu einer Reparatur.

Ähnlich lagen die Verhältnisse nach einem Felssturz 20 Jahre später. Diesmal war die Turmspitze stark in Mitleidenschaft gezogen. Bei der Wiederherstellung wurde die möglicherweise noch aus gotischer Zeit stammende Turmhaube stark verändert. Bislang hatte sie eine wesentlich schlankere Form und nur ein kleines Seitentürmchen. Nun wurden gleich drei derartige Aufbauten mit großen Schalllöchern angebaut, wodurch der gesamte Turm ein plumpes, unvorteilhaftes Aussehen erhielt.

Die Umgestaltung des Turmes von 1858 sowie die Zerstörung des neuen Schlosses durch einen Brand im Jahre 1855 bilden immer gute Anhaltspunkte zur zeitlichen Einordnung der zahllosen Gemälde von Oberstein aus dem 19. Jahrhundert, wie die beiden hier wiedergegebenen Bilder zeigen (s. Bild Nr. 26 und Nr. 27). Im Inneren der Kirche wurden im Zusammenhang mit der Reparatur links neben dem Epitaph die vorstehenden Felsen weggesprengt und an deren Stelle eine gerade Mauer aufgeführt.

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Bild 31: Blick ins Innere der Felsenkirche um 1900.
Neben der Orgel ist zu erkennen, wo sich damals das Altarbild und das Sebastiansbild befanden.

Damals ging man auch die oldenburgische Regierung wegen einer Felsbereinigung über der Kirche an. Die Obersteiner Pfarrei sah darin eine staatliche Pflicht, doch fand der Birkenfelder Baumeister Meyer einen Grund, sich dieser Forderung zu entziehen.

Doch auf Dauer konnten sich die Oldenburger nicht völlig sperren. Immerhin war und ist ein Teil des Kirchfelsens staatliches Eigentum. Bei einer Felsbereinigung im Jahre 1895 beteiligte sich denn auch der Staat an den Kosten. Schäden an der Kirche entstanden bei dieser Maßnahme ebenso wenig wie bei der Ablösung größerer Steine neben dem Turm um 1900. Bei dieser Gelegenheit erhielt der Turm einen neuen Hahn mit einer Kugel. Die Turmuhr gehörte übrigens kurioserweise der politischen Gemeinde Oberstein. Sie muss sehr alt gewesen sein, wenn sie auch nicht - wie einmal behauptet wurde - aus der Erbauungszeit der Kirche stammen könnte. Um 1900 verfügte sie noch über ein gutes Gangwerk, ließ sich aber nach Auffassung eines Turmuhrsachverständigen 1929 nicht auf Elektrizität umstellen, weshalb man sie damals durch ein modernes Werk ersetzte.

Infolge der permanenten Gefährdung der Kirche, der unzureichenden Heizmöglichkeiten und der rapid wachsenden Bevölkerungszahl von Oberstein reiften um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Pläne für einen Neubau im Tale heran. 1862 erteilte das großherzoglich oldenburgische Konsistorium in Birkenfeld die Erlaubnis zur Errichtung eines Kirchenbaufonds. Wie umstritten diese Pläne jedoch innerhalb der Gemeinde waren, zeigt die Tatsache, dass die Entscheidung nur mit 13 gegen 12 Stimmen gefasst wurde und mit der Auflage verbunden war, mit einem Neubau erst zu beginnen, wenn der Fonds ein Kapital von 40000 Talern beinhalte.

Der damalige Gemeindepfarrer, der um das Obersteiner Schulwesen hochverdiente spätere Weimarer Oberschulrat und Superintendent Dr. phil. Carl Otto Schmidt (1817 - 1878), erließ 1862 sowohl an die eigene Gemeinde als auch ,,für fremde Länder“ (in deutscher, englischer und französischer Sprache) einen Spendenaufruf zum Bau einer zweiten evangelischen Kirche in Oberstein. Darin wird die Felsenkirche wenig freundlich geschildert: ,,Die Luft in der Kirche ist (....), weil es an der rechten Lüftung fehlt, dumpf und beengend; in heißen Sommern ist sie kalt (. . . .). Im Sommer vergeht selten ein Gottesdienst, ohne daß es jemand unwohl wird (....). Ihre innere Einrichtung ist so winkelig, daß Störungen der Andacht oft unbemerkt bleiben

Beim Weggang von Pfarrer Schmidt 1865 waren erst 1.078 Mark im Kirchenfonds. 1877 wurde die Genehmigung zu einer jährlichen Hauskollekte für den Kirchenbau erteilt. 1878 errichtete der damalige Obersteiner Gemeindepfarrer Carl Heinrich Ludwig (1819- 1899) eine sogen. ,,Elisabeth-Stiftung“, welche durch Verlosung von Wertgegenständen - insbesondere der heimischen Industrie - Mittel sammeln sollte. Diese konnten sowohl für einen Neubau als auch später ,,bei Unterhaltung und Verschönerung der Felsenkirche weitere Hülfe leisten“. Der Name dieser Stiftung beruhte auf der irrigen Annahme, die Gemahlin des verhassten Grafen Christian Carl Reinhard, ,,an deren Hof zu Heidesheim zuerst der Gedanke, eine Kirche in das Tal der Stadt Oberstein zu bauen, und dazu Mittel zu beschaffen ausgesprochen wurde“, sei Anna Elisabeth von Daun-Oberstein gewesen. In Wirklichkeit hieß diese Frau Gatharina Polyxena, eine geborene Gräfin zu Solms-Rödelheim, welche seinerzeit herzlich wenig für die Felsenkirche bzw. für einen Ersatzbau getan hatte.

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Bild 32: Die geplante neue Obersteiner Kirche
Entwurf von Reg.-Baumeister Senz aus Köln, 1910

Die neue Stiftung führte zunächst eine Wertlotterie durch, deren erste Ziehung am 19. und 20. September 1881 stattfand. Der Erfolg scheint nicht groß gewesen zu sein. In der Folgezeit wurden noch mehrere vergebliche Versuche zur Ansammlung der notwendigen Kapitalien unternommen. Der Birkenfelder Geschichtsforscher Dr. med. Christoph Friedrich Upmann stellte der Stiftung 200 Exemplare seines Buches über die ,,Grafschaft Oberstein“ zur Verfügung. Berta Demeaux gründete einen sogen. ,,Pfennig-Verein“; doch nennenswerte Summen kamen in keinem Falle zusammen. Im Jahre 1894 konnte man schließlich für 54.422 Mark ein Gelände in der Hauptstraße (im Bereich des Hauses Demeaux) erwerben, wozu noch 1909 weitere Grundstücke für 23000 Mark gekauft und konkrete Pläne für eine Bebauung gemacht wurden. Im Jahre 1914 fasste man endlich den Beschluss, mit dem Kirchenneubau im Frühjahr 1916 zu beginnen, wobei die Bausumme auf 250.000 Mark begrenzt wurde. Doch dann kam der Erste Weltkrieg.

Für das vorige Jahrhundert wären noch folgende Nachrichten nachzutragen: 1843 vereinigten sich Lutheraner und Reformierte zu einer unierten Landeskirche im Fürstentum Birkenfeld. Da es in den vorangegangenen Jahrhunderten so gut wie keine Reformierte in Oberstein gegeben hatte, war es diesbezüglich auch nie zu konfessionellen Streitigkeiten gekommen. Im Jahre 1846 entstand in Oberstein eine deutsch-katholische Gemeinde. Die Initialzündung zu dieser Bewegung war von der Heilig-Rock-Ausstellung in Trier 1844 bzw. vom Protest des Kaplans Johannes Ronge (1813 - 1887) - der angeblich einmal in Oberstein gewesen sein soll - ausgegangen. Die Deutsch-Katholiken suchten um ein Mitbenutzungsrecht der Felsenkirche nach, was ihnen jedoch vom Großherzog von Oldenburg verweigert wurde.

Am 27. November 1872 kam es zu einer offiziellen Spaltung der katholischen Kirchengemeinde in Oberstein. Zahlreiche Mitglieder gründeten die Gemeinde der Altkatholiken, die mit dem vom Papst verkündeten Dogma des 1. vatikanischen Konzils nicht einverstanden waren. Interessanterweise wurde den Altkatholiken zeitweise eine Mitbenutzung der Felsenkirche gestattet. Zugleich kämpfte die 200 Mitglieder starke Gruppe, welche offenbar zunächst in Oberstein stärker war als die dem Papst treu gebliebene Gemeinde, um die Mitbenutzung der 1855 - 58 neuerbauten katholischen Kirche in Oberstein, ,,was praktisch ein Alleineigentum der Altkatholiken bedeutet hätte“. Durch das Wohlwollen des protestantischen Großherzogs und die geschickte Taktik katholischer Landtagsabgeordneter war auch dieses Ansinnen zum Scheitern verurteilt.

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Bild 33: Die Felsenkirche 1927

Am 10. Dezember 1876 wurde dann offiziell die heute noch bestehende ,,Deutsch-katholische freireligiöse Gemeinde Oberstein“ gegründet, die sich zunächst vor allem aus ehemaligen katholischen Bürgern und 1848er-Revolutionären zusammensetzte. Auch diese neue Glaubensrichtung erlangte kein Mitbenutzungsrecht an einem der Obersteiner Gotteshäuser.

Der Ort Oberstein durfte sich seit 1865 Stadt nennen, erhielt aber erst 1902 eine städtische Verfassung und einen hauptamtlichen Bürgermeister. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde am 11. November 1918 in der alten Turnhalle in Oberstein - wie auch in Oldenburg - ein Arbeiter- und Soldatenrat ausgerufen. Das ehemalige Fürstentum Birkenfeld wurde Provinz des neuen Freistaates Oldenburg, an dessen Spitze für einige Monate ein Direktorium stand. In Birkenfeld kam es im folgenden Jahr zu einer sogen. Revolution, einem unblutigen separatistischen Putsch, der zu einer freien Republik Birkenfeld führen sollte. In den dazu ausgeschriebenen Wahlen von 1919 erlebten die Separatisten jedoch eine vernichtende Niederlage gegen alle vereinigten demokratischen Kräfte, welche anschließend den linksliberalen Idarer Rechtsanwalt Walther Dörr (1879-1964) zum neuen Regierungspräsidenten wählten.

Fortsetzung:

Einleitung und Sage
Die Wirklichkeit
Die Vorgängerbauten
Der Umbau der Felsenkirche 1482/84 und deren Erstausstattung
Die Felsenkirche vom Ausgang des Mittelalters bis 1742
Zerstörung und Wiederaufbau der Felsenkirche 1742 - 1800
Felsstürze und Neubaupläne im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Renovierung 1927/29
Die Felsenkirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Zukunftsperspektiven der Felsenkirche

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