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H. Peter Brandt: Aus der Geschichte der Felsenkirche
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Die Felsenkirche vom Ausgang des Mittelalters bis 1742

Das Ende des Mittelalters brachte für die neuerbaute Kirche gewiss einschneidende Veränderungen. In diesem Zusammenhang wäre zunächst der Wechsel des Glaubens zu nennen, der in Oberstein schon verhältnismäßig früh - um 1540 - ohne Mitwirkung des Landesherrn erfolgte. Damals verschwanden gewiss auch die Nebenaltäre aus der Felsenkirche und der oben erwähnte Taufstein sowie weitere Ausstattungsgegenstände, von denen wir bislang keine Nachricht hatten. Es ist schon ungewöhnlich - wenn nicht sogar einmalig für das Land an der oberen Nahe, das zunächst vollständig von der Reformation erfasst wurde , dass dabei das heute so bekannte Altarbild erhalten blieb. Oder sollte es ursprünglich gar nicht in der Felsenkirche gewesen sein und erst im Zuge der Gegenreformation aus einem anderen Gotteshaus - vielleicht aus dem Mainzer Raum - hierher gekommen sein?

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Bild 13

Interessant an der Obersteiner Geschichte ist jedenfalls die Tatsache, dass sich die Landesherren - abgesehen von einer kurzen Zwischenperiode 1546/47-1554 - stets zum katholischen Glauben bekannten. Trotzdem wurde die Bevölkerung lutherisch und blieb es auch, nachdem der Augsburger Religionsfriede (1555) der Obrigkeit die Möglichkeit gegeben hätte, ihre Untertanen wieder zum Religionswechsel zu zwingen. Wahrscheinlich ist es diesen ungewöhnlichen Verhältnissen zu verdanken, dass sich mindestens noch etwas aus der vorreformatorischen Zeit in der Felsenkirche erhalten hat. Ein ,,Denkmal“ besonderer Art dieser Periode ist sicherlich das Bildnis des katholischen Landesherrn in der protestantischen Kirche. Es handelt sich um eine Darstellung des Grafen Sebastian von Daun-Oberstein-Falkenstein mit seiner Familie. Dieser war ursprünglich Domhert, hatte wie seine beiden älteren Brüder den geistlichen Stand verlassen, war jedoch im Gegensatz zu ihnen katholisch geblieben. Er ehelichte 1557 Elisabeth, die Tochter des Wild- und Rheingrafen Philipp Franz von Saim-Vinstingen. Aus der Ehe gingen mindestens drei Söhne und zwei Töchter hervor.

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Bild 43: Sebastiansbild

Die ganze Familie ist auf dem ,, Sebastiansbild“ dargestellt, das heute an der Rückwand der Empore hängt. Links neben Sebastian (der in der Bildmitte in Prunkrüstung steht) finden wir seinen ältesten Sohn und Nachfolger Philipp Franz (mit drei Halsketten und Kleinod). Dieser war einer der markantesten Herren von Oberstein, der durch sein Interesse am Bergbau, den Erlass einer Zunftordnung für Achatschleifer 1609 und die kostenlose Überlassung eines Bauplatzes zur Errichtung der heutigen Auschleife 1603 allgemein als weitsichtiger Industrieförderer gilt.

Philipp Franz war eine äußerst streitbare Persönlichkeit, die offenbar in permanenter Geldnot lebte und viele Prozesse führte. Wegen dieser Verhältnisse stritt er sich auch mit seinen Untertanen in Geld- und Steuerangelegenheiten so heftig, dass Erzbischof Lothar von Trier als Oberlehnsherr und Vermittler eingeschaltet werden musste. In diesem Zusammenhang wurde Philipp Franz von der andersgläubigen Bevölkerung ausdrücklich bestätigt, dass ,,der Herr Graf, waß Vnterhaltung des Pfarrherrn und Schulen gehörig kein Mangel erscheinen läßt“.

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Bild 14: Das Wappen der Herren von Daun am Säulenansatz des Hauptschiffes

Der Grund für die zu jener Zeit ungewöhnliche Toleranz der Herren von Oberstein könnte in dem seltenen Gewerbe innerhalb des Herrschaftsbereichs, der Achatschleiferei, gelegen haben. Nichts wäre schädlicher für die Wirtschaft des Landes gewesen, als wenn durch einen Glaubenswechsel auch nur ganz wenige Achatschleifer zur Emigration getrieben worden wären. Das Gewerbe wurde damals nämlich noch allgemein als Geheimnis behandelt, und kein Schleifer durfte auswandern oder Fremde in der ,,Kunst“ unterweisen.

Philipp Franz starb 1624 in den ersten Jahren des Dreißigjährigen Krieges und fand seine letzte Ruhestätte im Inneren der Felsenkirche vor dem Altar. Unverantwortlicherweise wurde die Grabplatte bei der Renovierung 1927/29 zerstört! Sie enthielt die Inschrift:

,,Anno 1624, den 4. Januar, ist der wohlgeborene Graf und Herr Philipps Franz (von Daun, Graf von Falkenstein, Herr von Oberstein und Bruch etc. seines Alters) 64 Jahr 4 Monat 13 Tage in Gott entschlafen.‘‘

Diese Platte enthielt ferner das Familienwappen in einer ungewöhnlichen Ausführung und einen lateinischen Grabspruch, dessen deutsche Übersetzung wie folgt, lautete:

,,Wenn ich auch Großes gewesen bin, so hat doch alles der Tod mir geraubt; aber Christus gibt mir dafür Besseres wieder.“

Schon während der Regentschaft von Philipp Franz war es zu einem Gegenreformationsversuch durch den Oberlehnsherrn, den Herzog von Lothringen, gekommen, mit welchem die Herren von Daun-Oberstein über Jahrhunderte hinweg in permanentem Streit lebten. Aus politischen - nicht aus religiösen - Gründen hatte er sich bereits 1616 an Erzbischof und Kurfürst Schweighard von Mainz gewandt mit der Bitte, die Hilfe des Heiligen Römischen Reiches zu vermitteln. Damals konnten - offenbar wegen kriegerischer Einfälle - Kirchen und Schulen in der Herrschaft Oberstein nicht mehr ,,bedient“ werden. In Idar gab es zu jener Zeit offenbar überhaupt keinen Pfarrer mehr. 1626 kam es erneut zu Übergriffen der Lothringer. Sie ließen die Glocken aus der Felsenkirche entfernen und setzten den lutherischen Geistlichen - vermutlich den Magister Johannes Schwab - gefangen.

Wenn sich auch zunächst die Söhne und Nachfolger von Philipp Franz, die Brüder Franz Christoph und Lothar von Daun-Oberstein, für ihre Untertanen einsetzten, so waren dafür gleichfalls ausschließlich politische Gründe maßgebend. Drei Jahre später zeigten sie nämlich ihr wahres Gesicht. Sie unternahmen nun ihrerseits einen Gegenreformationsversuch in ihrem Herrschaftsgebiet.  Der lutherische Pfarrer Johannes Schwab wurde 1629 endgültig aus Oberstein vertrieben, und man berief Jesuiten aus Trier zur Bekehrung der Bevölkerung.

Ein Jahr zuvor hatte Franz Christoph von der ausgestorbenen lutherischen Linie der Herren von Daun-Oberstein die Grafschaft Falkenstein in der Pfalz mit der Auflage geerbt, die dortigen Untertanen niemals zur Aufgabe ihres Augsburgischen Bekenntnisses zu zwingen. Tatsächlich setzte er sich jedoch wenige Jahre später über diese Auflage hinweg und machte auch dort den Versuch, die Bevölkerung zum katholischen Glauben zurückzuführen.

Einige Jahre zuvor hatte er bereits zwei Jesuiten aus Trier nach Oberstein kommen lassen, ,,um die Jugend zu reformieren‘‘. Er sorgte persönlich für den Lebensunterhalt der Patres, welche ,,beständig die Tafel auf dem Schloss“ Oberstein hatten, Nachdem - wie oben erwähnt - der letzte lutherische Pfarrer den Ort verlassen musste, war diesen Bemühungen offenbar auch Erfolg beschieden. ,,Die katholische Religion hat wiederum zu Oberstein florieret; nur zwei Haushaltungen widersetzten sich‘‘, schrieb rund 70 Jahre später der bekannte Obersteiner Praemonstratenserpater Leonard Goffiné (s.u.). Der Zeitgenosse sah dies allerdings etwas anders: Ein katholischer Pfarrer schrieb 1639 aus Oberstein an den Trierer Domdechanten und das Kapitel, dass sich vornehmlich im Flecken Oberstein die Leute an auswärtige unkatholische Orte begäben und daselbst ihre Kinder taufen ließen, auch daselbst die Sakramente empfingen“ - für die Jahre 1629 - 1641 lassen sich die Namen von fünf katholischen Geistlichen (drei Jesuiten und zwei Weltpriester) für Oberstein ermitteln. Sie predigten in der Felsenkirche und betreuten auch während der Pestepidemie - vermutlich 1635 - die Kranken, wobei sich einer von ihnen infizierte und starb.

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Bild 15: Aufriss des nördlichen Seitenschiffes 1927; hier sind deutlich die unterschiedlichen Größen der Gurtbögen erkennbar

All diese Ereignisse muss man vor dem Hintergrund des schrecklichen Dreißigjährigen Krieges sehen, der ja ursprünglich als Religionskrieg begonnen hatte und die Bevölkerung an der oberen Nahe um zwei Drittel dezimierte. Die regierenden Herren von Oberstein kämpften auf katholisch-kaiserlicher Seite und ließen beide ihr Leben: Lothar, der jüngere, als ,, Oberist-Lieutnant“ bei der Werbener Schanze 1633 und Franz Christoph als ,,Oberist eines Kürassierregiments“ in der Schlacht bei Wittsdock 1636. Da deren Brüder, die angeblich beide Domherren waren, schon zu jener Zeit nicht mehr lebten, fiel damit die Herrschaft Oberstein an die evangelische Linie des Hauses Daun-Oberstein, welche zu Broich (heute Mülheim an der Ruhr) residierte. Franz Christoph hatte übrigens der Obersteiner Kirche ein Kapital von 3000 Reichstalern hinterlassen, deren Zinserträge vornehmlich für die bauliche Unterhaltung der Felsenkirche gedacht waren. Außerdem sollte damit der Bedarf an Ornatsachen gedeckt werden sowie ein evtl. verbleibender Rest jährlich am Kirchweihtage (wohl dem Fest der Walpurgis, dem 1. Mai, an dem bis ins 19. Jahrhundert der Obersteiner Jahrmarkt stattfand) unter die Ortsarmen in der Herrschaft verteilt werden. Franz Christoph war ein entschiedener Katholik, und ohne konfessionelle Auflage wollte er seine christliche Mildtätigkeit denn auch wohl nicht verstanden wissen. Die Stiftung enthielt nämlich eine Klausel, welche besagte, falls wider Verhoffen die Obersteiner Kirche erneut in unkatholische Hände falle, und dort nicht mehr die katholische Religion gepflanzt werde, so müsse das Kapital an die Stadt Mainz fallen mit der Verpflichtung, die Zinsen für arme (katholische) Studenten der Theologie zu verwenden. Dieser Eventualfall sollte bald eintreten.

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Bild 16: Seitenschiff mit ehemaliger Nische während der Umbauarbeit 1929

Der neue Obersteiner Landesherr Wilhelm Wirich von Daun, Graf zu Falkenstein, Herr zu Oberstein und Bruch, war ein exzentrischer Mann und überzeugter Lutheraner. Er konnte jedoch infolge der wirren Kriegsverhältnisse in Oberstein nicht schalten und walten, wie er wollte. Aus einer Anweisung der Trierer Kirchenbehörde von 1639 an den nach wie vor noch katholischen Pfarrer in Oberstein wird deutlich, wer hier das Sagen hatte. Dieser sollte die Pfarrkinder ermahnen, von ihren (lutherischen) Irrtümern abzulassen, ansonsten obrigkeitliche Strafe erfolgen würde.

Der Westfälische Friede von 1648 brachte zwar für das Land an der oberen Nahe zunächst kein Ende der kriegerischen Unruhen, aber bestätigte wenigstens für die Herrschaft Oberstein die rechtliche Absicherung des alten lutherischen Glaubens. Im Friedensvertrag war nämlich das Jahr 1624 als sogen. Normaljahr festgelegt worden, d.h. der Glaube, der in jenem Jahre in einem Territorium üblich war, solle dort auch in der Zukunft Bestand haben. Hätte man diese verhältnismäßig willkürliche Festsetzung eines Normaljahres etwas später angesetzt, so hätte dies für Oberstein völlig anders ausgesehen.

Zunächst amtierten aber offenbar noch ein lutherischer und ein katholischer Geistlicher gleichzeitig in Oberstein, bis Letzterer ,,gutwillig“ das Gebiet verließ und nur mehr gelegentlich von der Mosel aus einige Amtshandlungen in Oberstein vollzog. Wilhelm Wirich wird auch von katholischer Seite bestätigt, dass er die andersgläubigen Untertanen in guter Ruhe“ ließ; er hielt sich sogar in Oberstein einen katholischen Oberamtmann, der seine Glaubensgenossen tatkräftig unterstützte.

Andererseits war auch die lutherische Gemeinde in jenen Jahrzehnten in großen Schwierigkeiten. So gelang es infolge der wirtschaftlichen und personellen Not zu Ende des Dreißigjährigen Krieges nur einen Geistlichen zu verpflichten, der zugleich vier Pfarreien gemeinsam zu betreuen hatte. Es war dies Joh. Georg Musculus, der in den Pfarrsprengeln Allenbach, Wirschweiler, Idar und Oberstein zugleich amtierte. Aus diesem Grunde stand die Felsenkirche von ca. 1650 bis 1660 ,,ledig“, d.h. leer; es konnte hier aus personellen Gründen überhaupt kein regelmäßiger Gottesdienst stattfinden. Die Obersteiner Gläubigen besuchten während dieser Zeit die Sonntagspredigt in der alten Idarer Mutterkirche, wo Pfarrer Musculus wohl zeitweise seinen Wohnsitz hatte.

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Bild 17: Der spätgotische Taufstein

Ursprünglich hatte man die Toten auf dem kleinen Kirchhof am Fuße der Felsenkirche beigesetzt, eine Praxis, die man infolge des beschränkten Raumes und der zahlreichen Todesfälle wohl in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges aufgeben musste. Jedenfalls wurden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Verstorbenen auf einem Friedhof am heutigen ,, Kirchhofshübel“ begraben, der den Gläubigen beider Konfessionen diente. Beerdigungen an der Felsenkirche gab es zu jener Zeit nur mehr in Ausnahmefällen und dann allerdings nur für Protestanten. Bei Hochwasser war nämlich der Simultanfriedhof am Kirchhofshübel nicht zu erreichen.

Ganz besonders vornehme Tote wurden dagegen seit eh und je im Inneren der Felsenkirche bestattet. Dies hätte an erster Stelle deren Stifter Wirich IV. zugestanden, der jedoch zusammen mit einem Sohn und einem Enkel in der Erbbegräbnisstätte der Familie seiner Mutter, in der Abteikirche zu Otterberg in der Pfalz, seine letzte Ruhe fand, wie die dort noch vorhandene dicke Grabplatte ausweist.

Im Inneren der Felsenkirche lässt sich bislang lediglich die Bestattung eines einzigen regierenden Landesherrn - des bereits zuvor erwähnten Philipp Franz - nachweisen, obgleich es möglich ist, dass neben ihm dessen Vater Sebastian und weitere Regenten hier beigesetzt wurden.

Für die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts lassen sich folgende Beerdigungen in der Felsenkirche belegen:

a) Margarethe Mundert, geb. Bell (gest. zw. 1610 - 1619), Ehefrau des obersteinischen Rentmeisters Wilhelm Mundert (die Grabplatte war 7 Schuh lang; sie ist heute nicht mehr vorhanden).

b) Philipp Friedrich von Daun-Oberstein (gest. 23.5.1615), Sohn dess Grafen Philipp Franz, soll Domherr gewesen sein (Grabplatte noch vorhanden; ca. 1,80 • 0,67 m). (Bild Nr. 19).

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Bild 57

c) N.N. von Daun-Oberstein (1600 -1615), ein Mädchen; wahrscheinlich eine Tochter von Philipp Franz (Grabplatte noch vorhanden; ca. 2,05 x 0,93 m).

d) Philipp Franz von Daun Graf von Falkenstein und regierender Herr zu Oberstein (1559 - 1624) (Grabplatte 1927/29 zerstört; Text s.o.).

e) ein katholischer Geistlicher; gest. wohl um 1635 (vielleicht Johann Weirich aus Bernkastel oder Bernhard Rohr 5)).

f) Anna Magdalena Katharina von Schellard (1642 - 1644), ein Töchterchen des katholischen Oberamtmanns Johann Christoph von Schellard (Grabplatte 1774 zum letzten Mal gen.).

g) Pfarrer Sonntag der Ältere (gest. um 1645).


Möglicherweise sind die unter Buchst. e) und g) angeführten Personen identisch; in diesen Fällen ist auch nicht sicher, ob überhaupt Grabplatten angefertigt wurden.

Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts brachte erneut kriegerische Auseinandersetzungen und einen dritten Gegenreformationsversuch für die Herrschaft Oberstein. 1680 wurde das Gebiet an der oberen Nahe mit Frankreich reuniert (d.h. wieder vereinigt). Das neue Schloss Oberstein sollte zur französischen Festung ausgebaut werden. Die Besatzungstruppen waten katholisch und brachten eigene Garnisonspriester mit, die sich bald auch mit der ,,Missionierung“ der Bevölkerung beschäftigten. Höchstwahrscheinlich erzwangen die neuen Herren ein Mitbenutzungsrecht an der Felsenkirche, das jedoch im Gegensatz zu den evangelischen Kirchen in Kirn, Weierbach, Kirchenbollenbach oder Birkenfeld nur kurze Zeit gedauert haben dürfte. Ob in diesem Zusammenhang oder bereits früher (vgl. "Zerstörung und...") die Glocken aus der Felsenkirche verschwunden sind, ist nicht überliefert; merkwürdigerweise stammt das spätere Geläut gerade aus jenen unruhigen Jahren. Die beiden größten Glocken trugen die Inschrift:
 

,,Mathias Grommel Trier gos mich anno 1682“

sowie:

,,Alles was Odem hat lobet den Herrn, Ps 150“

und die nicht gedeuteten Buchstaben:

,,I:S:H:A:V:P:D:G:P:C:K:A:S:H:B:N:B:M“

Auf der mittleren Glocke war zu lesen:

,,M:N:D:M:K: anno 1682“;

sie enthielt ferner das Bibelzitat:

,,Thut alles zu Ehre Gottes, 1. Cor. 10“

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Bild 18: Die kleine Glocke von 1686

Beide Texte folgen genau der Lutherübersetzung, womit bewiesen ist, dass beide ursprünglich eindeutig für ein evangelisches Gotteshaus gedacht waren. Letzteres gilt interessanterweise nicht für die kleinste, die sogen. Schulglocke. Sie enthält eine lateinische Inschrift, weshalb man sie früher für wesentlich älter - aus der Zeit der Erbauung 1482/84 - gehalten hat. Die deutsche Übersetzung lautet:

,,Zur Zeit des Pastors Friedrich Bernardi und der Sendschöffen Johann Frank und Mathias Treisch am 2. Juli 1686 (bin ich gegossen worden). Wenn ich geschlagen werde, ertöne ich, das Volk rufe ich zusammen, die Toten beklag ich und den Blitz vertreib ich - H(eiliger) Stefan, Schutzherr der Kirche von Monzelfe(ld), bitte für uns."


Monzelfeld ist ein katholischer Ort bei Bernkastel; für die dortige Kirche lässt sich ebenso ein Schutzheiliger Stefan wie ein Pfarrer Bernhardi belegen, sodass kein Zweifel besteht, dass diese Glocke ursprünglich für ein völlig anderes Gotteshaus gedacht war. Sie kam wohl in die Felsenkirche, als diese zugleich der katholischen Gemeinde diente. Durch die falsche Übersetzung der Inschrift und deren danach geschätztes Alter blieb diese Glocke als Einzige erhalten. Die beiden übrigen wurden ein Opfer des Ersten Weltkrieges. Das Schulglöckchen dient noch heute im Turm der Felsenkirche als Stundensignal der Uhr.

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Bild 19: Grabplatte Philipp Friedrichs von Daun-Oberstein (gest. 1615)

Die Zeit um 1686 war auch in anderer Hinsicht für die Obersteiner Kirchengeschichte von besonderer Bedeutung. Um die Felsenkirche der lutherischen Gemeinde zu erhalten, kam der Obersteiner Amtmann - vermutlich der reformierte Rat und Oberamtmann Christian Wilhelm Müller von Weiskirch - auf eine ungewöhnliche Idee: Die Protestanten sollten den Katholiken eine eigene Kirche bauen. Er wusste seinen Landesherrn - es war dies Joh. Carl August Graf zu Leiningen-Heidesheim, ein Enkel des 1682 verstorbenen Wilhelm Wirich von Daun-Oberstein - für diesen Vorschlag zu gewinnen.

Bei der Durchführung dieses Planes ergaben sich jedoch eine Reihe von Schwierigkeiten, da die Protestanten nur das Allernotwendigste zum Bau eines kleinen, recht primitiven Gotteshauses beitrugen. So entstand eine neue Walpurgiskirche am Marktplatz in Oberstein (1858 abgerissen; mitten auf der Straße neben der heutigen Drogerie Pullig). Es handelte sich - und das war für Gotteshäuser in unserer Gegend völlig ungewöhnlich - um einen Fachwerkbau mit rechteckigem Grundriss, dreiseitiger Apsis und einem Dachreiter-Glockenturm. Die kleine Pfarrkirche hatte auch nur einen Altar, verfügte über einen Kelch mit silberner Kappe sowie zwei Glöckchen. Ein allgemeines Läuterecht besaß die katholische Kirche jedoch nicht. Bei Beerdigungen auf dem Simultanfriedhof ,,am Kirchhofshübel“ durften nur die Glocken der Felsenkirche läuten.

Das Zusammenleben beider Konfessionen scheint sich immerhin in den ersten Jahren noch einigermaßen erträglich gestaltet zu haben, was sicher zum Teil am geringen Eifer der evangelischen Pfarrer Heinz und Molter bzw. des Pastors Orphelin lag.

In jenen Jahren, in denen die Herrschaft Oberstein unter französischer Oberherrschaft stand, und der Ort von fremder Besatzung belegt war, fallen schwere religiöse Bedrückungen und hässliche Streitigkeiten zwischen den Pfarrern und den Konfessionen, die erst nach dem Frieden von Ryswik 1697, in dem die Franzosen auf Oberstein und viele andere Reunionen verzichten mussten, wieder langsam abflauen. Wir hören von lutherischen Bürgern, die lieber Haus, Hof und alle Güter in Oberstein verlassen wollen, um nicht zum Glaubenswechsel gezwungen zu werden, von Wächtern vor der Tür eines Neugeborenen, damit ,,der Pfaff" nicht herein könne, und von Taufen ,,unter französischem Joch“ sowie vieles andere mehr. Erst 1698 - so steht im lutherischen Kirchenbuch - ,,hat uns Gott von den Franzosen erlöst“.

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Bild 20: Oberstein um 1840
Stich von Scheuren

Nach einer Periode häufigen Pfarrerwechsels bei beiden Konfessionen trafen in Oberstein ab 1695 bzw. 96 zwei starke Persönlichkeiten aufeinander, die beide ihre religiöse Überzeugung entschieden verteidigten. Es war dies auf evangelischer Seite der ,,energische, fleißige und ohne Zweifel begabte Pfarrer Johannes Scriba“, der 53 Jahre lang als ,,exemplarischer, treufleißiger und eifriger Seelsorger“ in Oberstein und ab 1717 in Idar wirkte und zum Stammvater vieler alteingesessener Familien der Stadt wurde. Ihm stand in Oberstein der berühmte Praemonstratenserpater Leonard Goffiné gegenüber. Er ist der Verfasser zahlreicher christlicher Erbauungsschriften, darunter die 1690 in Mainz erstmals erschienene ,, Christkatholische Handpostill“, die in viele Sprachen der Weltliteratur übersetzt wurde und bis in unser Jahrhundert zahllose Auflagen erlebt hat.

Goffiné machte seinem Vorgänger heftige Vorwürfe, dass er sich seinerzeit auf den kuriosen Vorschlag des Amtmannes eingelassen und auf derart ,, glimpfliche Art nun und in Zukunft der Zeiten (. . .) auf das katholische Religionsexercitium“ in der Felsenkirche verzichtet habe. Die Katholiken könnten ,,nimmermehr zur Prozession ihres von altersher zuständigen Gotteshauses gelangen".

Tatsächlich ist seit 1686 kein katholischer Gottesdienst mehr in der Felsenkirche gehalten worden. In der berühmten Chamoschen Liste, die zur Erläuterung der Vorbehaltsklausel IV des Ryswiker Friedens diente, wird der Alleinbesitz der Felsenkirche für die Protestanten ausdrücklich bestätigt. Sie behielten sogar das Läuterecht für ganz Oberstein; lediglich der Friedhof am Kirchhofshübel blieb simultan.

Von der Felsenkirche selbst hören wir in den nächsten 50 Jahren wenig. Selbstverständlich wurden nach wie vor vornehme Personen in ihrem Inneren beerdigt.

Es waren dies:

h) Joh. Georg Musculus (1600 - 1671), Pfarrer zu Allenbach (1630 -55), Kirschweiler (1632 - 55), Idar (1640 - 69) und Oberstein (1641 - 71).

i) Anna Magdalena Heinz geb. Leyser (gest. 20.12.1685), Ehefrau des Idarer Pfarrers Job. Christian Heinz, der kurz darauf die Obersteiner Pfarrstelle erhielt.

j) Maria Martha de Conde de la Croire, geb. Rheingräfin von Simmern(?) (1611 - 1686), reformierte Mutter des Oberamtmannes Wilhelm Christian Müller von Weiskirch.

k) Anna Catharina Götz (17.3. - 6.4.1686) Töchterchen des Obersteiner Pfarrers Joh. Sebastian Götz.

l) Franz Daniel Scriba (1703 - 1704), Söhnchen des Pfarrers Johannes Scriba.

m) Wilhelm Christian Müller von Weiskirch (1643 - 1706), leiningischer Rat und Oberamtmann zu Oberstein.

n) Joh. Nicolaus Reichardt (gest. 1728), leiningischer Amtmann zu Oberstein.


Aus dem Jahre 1724 ist eine interessante Nachricht überliefert: Erst damals ersetzte man das alte Strohdach der Felsenkirche, das sehr schadhaft geworden war, durch ein festes Schieferdach. Die Kosten beliefen sich auf 810 Gulden. Mindestens seit jener Zeit befanden sich auch die massiven Eichenkisten mit ihren eisernen Beschlägen in der Kirche, wo sie - an einem praktisch feuersicheren Ort - zur Aufbewahrung des Orts - und Kirchenarchivs dienten.

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Bild 21

Die Obersteiner Bürger - obwohl sie praktisch alle die Kirchspielschule bis zur Konfirmation besucht hatten - waren nicht in der Lage, die darin enthaltenen alten Urkunden zu lesen. Man vermutete in den Kisten noch viele Dokumente und Briefschaften und traute offenbar den leiningischen Beamten und wohl auch ihren Pfarrern nicht recht. Nur so ist es erklärlich, dass man anlässlich des Besuches eines kurtrierischen Kommissars im Jahre 1731 diesen um die Verlesung des Inhaltes bat. Schlüsselgewalt über die Kisten hatten übrigens die Gerichtsschöffen. Es fanden sich damals jedoch nur zwei Urkunden, die aber für die Geschichte der Kirche ohne Belang sind.

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Bild 22: Petrus, aus den Apostelbildern an der Empore

Fortsetzung:

Einleitung und Sage
Die Wirklichkeit
Die Vorgängerbauten
Der Umbau der Felsenkirche 1482/84 und deren Erstausstattung
Die Felsenkirche vom Ausgang des Mittelalters bis 1742
Zerstörung und Wiederaufbau der Felsenkirche 1742 - 1800
Felsstürze und Neubaupläne im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Renovierung 1927/29
Die Felsenkirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Zukunftsperspektiven der Felsenkirche

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