H. Peter Brandt: Aus der Geschichte
der Felsenkirche

Der Umbau zur
Felsenkirche 1482 /84 und deren Erstausstattung
Nachdem die Bevölkerung der Siedlung (Ober-)Stein am Fuße
der Burg weiter zugenommen hatte, war wohl eine Erweiterung der alten Kirche auf dem Kreuz
oder ein völliger Neubau erforderlich. Wenn man sich nun vergegenwärtigt, dass das
bisherige Gotteshaus rund ½ km vom Ort entfernt lag und andererseits nach Errichtung von
zwei weiteren Burgen die alte Befestigungsanlage ,,im Loch des Fleckens nicht mehr
gebraucht wurde, so war es eigentlich naheliegend, die dort befindliche Bausubstanz zu
einem Gotteshaus umzugestalten, zumal damit ein verhältnismäßig großer Bauplatz
innerhalb der schützenden Stadtmauer gefunden war.
Angesichts des heutigen Baubefundes und der kurzen Bauzeit
kann kein Zweifel bestehen, dass die Felsenkirche nicht in einem einzigen wohlgeplanten
Bauabschnitt, sondern durch einen Umbau entstand. Mit Sicherheit haben sich zuvor an
dieser Stelle andere Baulichkeiten befunden, deren Umbau zu einem Gotteshaus - wie wir es
seit Jahrhunderten aus zahllosen Abbildungen und Reisebeschreibungen kennen - sich
verhältnismäßig exakt bestimmen lässt:
Am 23. August des Jahres 1482 erteilte Papst
Sixtus IV. (1471 -1484) die Bewilligung, ,,dass die alte Kirche vor dem Flecken Oberstein
liegend abgebrochen und eine neue in dem Flecken durch Herrn Wirich von Daun, Herrn zu
Falkenstein und zum Oberstein, gebauet werden möchte....
Bild 8: Die Felsenkirche 1482/84 im Querschnitt
Rekonstruktionsversuch Brandt
Anders als bei den bisherigen ,,sagenhaften
Nachrichten, lassen sich die hier überlieferten Fakten leicht verifizieren: Wirich IV.
von Daun-Oberstein lässt sich ebenso sicher als Obersteiner Alleinregent jener Zeit
nachweisen wie der genannte Papst. Wirich lebte von 1418 - 1501 und muss nach dem Tode
seines Vaters - 1432, noch unmündig - den daunischen Anteil an der Herrschaft Oberstein geerbt haben. Er sollte es unter allen Obersteiner Landesherren
zu größtem Wohlstand und Ansehen bringen. Rund 100 Jahre nach seinem Tode schrieb der
Familienchronist über ihn:
,,Dieser Herr ist überaus sinnreich und geschickt gewesen;
(er hat) große Ämter bedient; bei Kaiser, König, Chur- und Fürsten in hohem Ansehen
(gestanden), in Ratschlägen und Werken ganz glückselig, daneben sehr reich gewesen.
Für uns sind in diesem Zusammenhang nur drei biografische
Einzelheiten von Interesse: Wirich hatte 1440 eine Gräfin von Leiningen geheiratet; er
erwarb käuflich 1456 die Reichsgrafschaft Falkenstein in der Pfalz, und er galt als
,,tief religiös veranlagte Natur. Mindestens fünf seiner Kinder traten in den
geistlichen Stand; drei von ihnen erlangten die Würde von Äbtissinnen, und sein Sohn
Philipp wurde sogar Erzbischof und Kurfürst von Köln. Nach dem Erwerb der Grafschaft
Falkenstein nannte sich Wirich ,,Herr zu Falkenstein und Oberstein; den Titel eines
Grafen von Falkenstein erlangten erst später seine Enkel.
Der Bau und insbesondere die Ausstattung der neu errichteten
Obersteiner Kirche ist wohl auf seinen frommen Wesenszug zurückzuführen. Bereits am 18.
Januar 1484 (also nach weniger als 17 Monaten) war das neue Gotteshaus im Felsen fertig.
Die ungewöhnlich kurze Bauzeit unterstreicht auch die Annahme, dass es sich hierbei
lediglich um einen Umbau handelte. Zur finanziellen Absicherung dieser Maßnahme (,,zur
Handhabung der Kirchen Gottes Dienste) schenkte Wirich 1484 mit Zustimmung seiner
bereits mündigen Söhne und Nachfolger (Melchior und Emich) der Felsenkirche den aus acht
Einzelhöfen bestehenden Hubhof in der Pfarrei (Nieder-)Brombach. Aus der
Schenkungsurkunde geht hervor, dass ,,die alt(e) Kirch zum Oberstein entweihet, die von
neuem in den (dem) Tal der Unterburg gebauet und geweihet.
Es gab bzw. gibt noch weitere Belege für die
Errichtung der Felsenkirche in den Jahren 1482 /84. Im Neubau befanden sich große
gotische Fenster, welche mit wertvollen buntbemalten Gläsern ausgestattet waren. In einem
von ihnen soll sich eine lebensgroße Darstellung der Äbtissin Walpurgis, der
Schutzpatronin des neuen Gotteshauses, befunden haben. Von dieser ursprünglichen
Verglasung sind nur noch geringe Reste erhalten. Glücklicherweise befindet sich darunter
ein Bildnis des Stifters in demütig kniender Haltung mit der Umschrift ,,Wiric vo(n) dune
her(r) zu falkenstein und zu(m) oberstein 1482.
An weiteren Resten von der Originalverglasung
sind noch zwei Fragmente erhalten, die sich heute jeweils in den
,Schießschartenfenstern des Kaffgesimses befinden: Es handelt sich einmal um eine
Darstellung des Bischofs Nikolaus von Myra mit seinem Heiligenattribut, den drei
Goldklumpen, sowie das Wappen der Grafen von Leiningen (drei silberne Adler auf blauen
Grund), des Geschlechtes der Ehefrau des Erbauers.
Bild 9: Wirich IV., Fragment der ehemaligen Verglasung
Alle Glasmalereien sind von hoher Qualität
und werden verschiedentlich mit den Fenstern im nördlichen Seitenschiff des Kölner Doms
in Verbindung gebracht, welche dort 1507 bzw. 1509 Wirichs Sohn, Erzbischof Philipp von
Daun, stiftete.
Bilder 10 und 11
Früher muss die Felsenkirche noch einen
weiteren Hinweis auf die Erbauungszeit enthalten haben: Im Jahre 1774 wird durch den
Obersteiner Amtmann Christian Carl Jäger ein ,,Pfeilerstein erwähnt, der die
Inschrift ,,1492 trug. Man darf davon ausgehen, dass es sich hierbei um einen Lese-
oder Schreibfehler handelt und dass diese Jahreszahl ursprünglich 1482 lautete. Dies
käme praktisch einem Beweis für die Erbauungszeit der heutigen Felsenkirche gleich, da
sich Pfeilersteine und Strebepfeiler bekanntlich nicht wie Glasfenster später auswechseln
lassen.

Bild 12
Wenn wir schon vom Auswechseln oder Umsetzen
reden, so sollten wir an dieser Stelle einmal kurz festhalten, was sich heute noch an mehr
oder weniger beweglichem Inventar in der Felsenkirche befindet und mit Sicherheit älter
ist als das Gotteshaus selbst:

Bild 41
Da wäre zunächst das berühmte Altarbild zu
nennen, das um 1400 entstanden sein soll. Dazu zwei Bemerkungen: Auf dem linken unteren
Seitenflügel, der ,,Christus vor Herodes zeigt, befindet sich auf der rechten Wange
des Königsthrons die Inschrift ,Fabricius Winck (Ao 1)500 M (ensis) May. Nach
Meinung von Fachleuten handelt es sich dabei um eine frühe Restaurierungsinschrift oder
um das Datum der Aufstellung des Bildes in der damals erst 16 Jahre alten Kirche. Damit
erhebt sich natürlich die Frage nach dem ursprünglichen Standort dieses Kunstwerks. Die
ehemalige Kapelle der Unterburg scheidet wohl ebenso wie die Kirche auf dem Kreuz aus, da
in diesem Falle die Aufstellung sicherlich mit der Erstausstattung der Kirche sowie der
Entweihung bzw. Zerstörung der übrigen Gotteshäuser erfolgt wäre. Wenn das Altarbild
nicht ursprünglich in Oberstein war, so erübrigen sich auch alle Spekulationen über den
im Mittelteil dargestellten Stifter, einen Geistlichen im weißen Chorrock, der eine Stola
über der linken Schulter trägt. Es war dies die Tracht eines Diakons, eines Vertreters
des untersten geistlichen Ranges. Wenn es sich bei dem Bild um eine Stiftung - etwa aus
Anlass der Weihe zum Diakon - für Oberstein handelt, so käme dafür möglicherweise
Richard von Oberstein infrage, der 1419 als Domherr in Mainz genannt wird, danach noch an
verschiedenen Universitäten studierte und schließlich 1459 Mainzer Domdechant wurde
(gest. 1487).
Bei dieser Gelegenheit sei darauf
hingewiesen, dass die alte Kirche auf dem Kreuz nach dem Bau der Felsenkirche nicht - wie
1482 vom Papst genehmigt - abgerissen, sondern lediglich - wie 1484 erwähnt - entweiht
wurde. Dazu war nur die Entnahme des beweglichen Inventars sowie eine teilweise
Zerstörung des Innenputzes erforderlich. Danach hatte das Bauwerk keinerlei sakralen
Charakter mehr und konnte durchaus profanen Zwecken dienen. Tatsächlich befanden sich
Gebäudeteile an dieser Stelle - im Volksmund ,,das heilige Häuschen genannt - im
Bereich des Flurbezirks ,,auf dem Kreuz noch im Jahre 1759.
Aus der Zeit vor der Erbauung der
Felsenkirche stammen schließlich auch noch zwei Grabplatten: die bekannteste - das
Epitaph eines Ritters in voller Rüstung - dient seit über 50 Jahren den ,,Heimatfreunden
Oberstein als Vereinssymbol. Es handelt sich um Philipp II. von Daun-Oberstein, den
Vater des Erbauers der Felsenkirche, der höchstwahrscheinlich am 4. März 1432 in
Erfüllung seiner Lehnspflichten für den Herzog von Lothringen im Kampfe fiel (Bild Nr. 3).
Die deutsche Übersetzung der Umschrift
lautet:
,,Im Jahre des Herrn 1432, am Mittwoch nach
dem Sonntage Estomihi starb Junker Phil (ipp von Daun, Herr von Oberstein,) dessen Seele
in Frieden ruhen möge. Amen
Direkt neben diesem überlebensgroßen
Standbild befindet sich eine wesentlich schlichtere kleine Grabplatte von Philipps Ehefrau
Mena, einer geborenen Raugräfin von Neuenbamberg, die er offenbar 1401 geheiratet hatte.
Der Stein zeigt das gespaltene Wappen der Raugrafen und die deutsche Inschrift (Bild Nr. 3):
,,Meen rvgrafyn fraw zum Obersteyn"
Der Tod Menas wird wohl erst um die Mitte des
15. Jahrhunderts eingetreten sein - jedenfalls vor Erbauung der Felsenkirche, sodass sich
auch dieses Grab zuvor an einer anderen Stelle befunden haben muss.
Die kleine Kopfkonsole, welche eine der
Rippen des Seitenschiffes stützt (s. Bild Nr. 13) und
vielleicht eine Art Selbstdarstellung des Baumeisters zeigt, stammt dagegen wohl aus der
Erbauungszeit. Mit Sicherheit gilt dies für das daunische Rautenwappen, das am Ansatz
einer der Rippen des Hauptgewölbes noch heute erhalten ist (s. Bild Nr. 14).
Aus der Erbauungszeit sind noch einige
Ausstattungsgegenstände vorhanden: Der gotische Taufstein, der früher angeblich als
Ständer für einen Weihwasserkessel diente. Er lag übrigens im vorigen Jahrhundert
unbeachtet unter den Trümmern vor der Kirche und wurde erst durch eine Glöcknerin wieder
im Innern aufgestellt und 1929 mit einer neuen Kupferschale und einem Deckel versehen (Bild Nr. 17).
Ferner könnte aus dieser Zeit die Taufschale
aus Messing stammen, die eine Darstellung Adams und Evas mit der Schlange im Paradiese
zeigt und möglicherweise von einem Nürnberger Beckenschläger gefertigt wurde.
Die neue Kirche hatte mindestens drei
Altäre. Neben einem Hauptaltar werden kurz nach der Erbauungszeit auch ein Marien- und
ein Wolfgangs-Altar genannt. Wir hören von Altareinkünften, die nicht nur aus barem
Geld, sondern auch aus Wachs, Käse, Eiern und Hühnern bestanden, von den Obersteiner
Brudermeistern (heute würden wir vielleicht Kirchmeistern sagen), welche das Vermögen
der ,,Kirche zu Oberstein zu verwalten hatten, und von verschiedenen Seelenmessen,
die an diesen Altären gelesen wurden. Die Stiftungen dienten zur personellen und
materiellen Absicherung des neuen Gotteshauses, das übrigens eine Walpurgis-Kirche
gewesen sein muss. An der Westwand soll sich ein ,,Heiligenhäuschen befunden haben,
das um 1900 zugemauert, jedoch noch in Umrissen zu erkennen war. Möglicherweise handelt
es sich um eine Nische, die beim Umbau 1929 sichtbar wurde (vergl. Grundriss Bild Nr. 12 und Bild Nr. 16).
Sicher lässt sich belegen, dass - entgegen
verschiedenen früheren Auffassungen - die Obersteiner Kirche auch nach ihrer Umgestaltung
noch weiterhin zum alten Idarer Pfarrsprengel gehörte. Die Felsenkirche war also
zunächst lediglich eine Idarer Filialkirche, wobei allerdings für 1492 belegt ist, dass
der Idarer Pfarrer seinen Wohnsitz nach Oberstein verlegt hatte.
Spätestens mit der Reformation wurde
Oberstein jedoch zur selbstständigen Pfarrei, welche außer dem Flecken selbst lediglich
noch einen Teil des Dorfes Breungenborn umfasste, jener 1937/38 durch die Anlegung des
Truppenübungsplatzes Baumholder untergegangene Ort. Dort stand eine Michaeliskirche, wo
der Obersteiner Pfarrer noch im 16. Jahrhundert zu gewissen Zeiten Gottesdienste zu halten
hatte.
Fortsetzung:
Einleitung
und Sage
Die Wirklichkeit
Die Vorgängerbauten
Der Umbau der Felsenkirche 1482/84 und deren Erstausstattung
Die Felsenkirche vom Ausgang des
Mittelalters bis 1742
Zerstörung und Wiederaufbau der
Felsenkirche 1742 - 1800
Felsstürze und Neubaupläne im 19.
und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Renovierung 1927/29
Die Felsenkirche in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts
Zukunftsperspektiven der Felsenkirche |