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H. Peter Brandt: Aus der Geschichte der Felsenkirche
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Die Vorgängerbauten

Selbst wenn man alle ,,sagenhaften“ Erklärungsversuche für das Entstehen der Felsenkirche außer acht lässt, so bleiben noch genügend Rätsel um ihre Erbauung. In einer 1812 erschienenen Veröffentlichung wird sie als Denkmal des 11. Jahrhunderts bezeichnet, was vielleicht nicht so falsch ist. Im Jahre 1075 wird jedenfalls erstmals ein Herr von (Ober-)Stein erwähnt. Von der alten Burg (Bosselstein) sind dagegen erst mehr als 100 Jahre später erste urkundliche Nachrichten überliefert. Wenn man davon ausgeht, dass die gewaltige Felshöhle unterhalb dieser Burg (ca. 25 m lang, 17 m tief - bei einer mittleren Höhe von 12 m) auf natürliche Weise entstanden ist, so ist es eigentlich gut vorstellbar, dass sich die ersten Herren von Oberstein an dieser Stelle ein festes Haus, eine Art Burg errichteten, wozu nur verhältnismäßig geringe Aufwendungen erforderlich waren. Für die Annahme, dass die Höhlung im Fels auf natürliche Weise entstanden ist, spricht nicht nur die ungewöhnliche Größe (von 5000 m3), sondern auch die Tatsache, dass die dort errichteten Gebäude ziemlich willkürlich und unsystematisch in den Fels gebaut wurden, was sich bei einer exakten Vermessung ergab. Die Schildmauer bis zur Höhe des Kaffgesimses weist nicht nur eine Stärke von 1,90 m auf, sondern auch drei schießschartenähnliche Fensteröffnungen, welche die Vermutung nahe legen, dass sich ursprünglich an dieser Stelle ein Wehrbau befand.

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Bild 5: Fußboden im Seitenschiff während der Sanierungsarbeiten 1928

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Bild 6: Die Felsenkirche um 1820
Lithographie von Ludwig Strack (1761 - 1836)

Hinzu kommt noch - auch dies ergab die Vermessung (vgl. Grundriss und Querschnitt Bilder Nr. 8 und 12) , dass diese Schildmauer mehrfach ganz unregelmäßig abknickt und in dem sechseckigen Turm alle Seitenlängen und Winkel ungleich sind. Beim Bau von Gotteshäusern legte man zu jener Zeit aber sehr großen Wert auf Symmetrie. Da alle Abstände zwischen den Schießschartenfenstern, den Sakristeifenstern, den Säulen im Hauptschiff und den Gurtbögen ungleich sind (vergl. Grundriss Bild Nr. 12 u. Bild Nr. 15), vermag man auch schwerlich in der heutigen Felsenkirche eine Huldigung an die Trinität zu erkennen. Es deutet eigentlich alles darauf hin, dass es eben keine Kirche war, die ursprünglich in dieser Höhlung stand. Falls es sich aber um einen Wehrbau handelte, so ist sogar wahrscheinlich, dass dieser auch über eine Kapelle verfügte, welche nicht unbedingt mit der heutigen Sakristei identisch sein muss. Die zur Begründung dieser These angeführte Ungleichheit von Mauerwerk, Sakristei und oberem Teil der Felsenkirche belegt lediglich, dass diese nicht gleichzeitig entstanden sind. Mörteluntersuchungen lassen darauf schließen, dass die heutige Sakristei mit der vorderen Schildmauer zusammen errichtet wurde und somit ursprünglich zur Wehranlage gehörte (s. Bild Nr. 4).

Tatsächlich wird eine ,,Unterburg im Tale“ wiederholt in mittelalterlichen Urkunden erwähnt, wobei diese bezeichnenderweise auch manchmal den Namen ,,das Loch“ trägt. Mit ,,im Tale“ ist mit Sicherheit ein Gelände innerhalb der späteren Stadtmauer gemeint, und was läge da näher, als diese in der Höhlung am Fels zu suchen. Zwar gibt es ein einziges Mal auch eine Nachricht von einer Unterburg in der Nähe des unteren Stadttores, doch ist diese aus dem 16. Jahrhundert und muss nicht unbedingt mit den Verhältnissen 200 Jahre zuvor in Verbindung gebracht werden.

Obwohl wir davon ausgehen können, dass alle Obersteiner Befestigungsanlagen - Unterburg (1075 ?), Altes Schloss (1197), Neues Schloss (um 1320) - über eine eigene Burgkapelle verfügten, hat es in Oberstein schon verhältnismäßig früh eine Kirche gegeben, die allerdings nicht in dem ummauerten Ort, sondern ca. 500 m davon entfernt im Distrikt ,,Auf dem Kreuz“ - an einer Wegekreuzung im Bereich des heutigen Kaufhauses Woolworth - stand und erstmals 1324, ferner 1329, 1340 und 1382 genannt wird. Die Möglichkeit, dass es sich dabei um eine Wallfahrtskirche handelte, ist zwar gegeben, aber nicht sehr wahrscheinlich. Kirchenpatrone dieses Gotteshauses waren Philippus und Jacobus, Dionysius und Walpurgis. Daneben wird 1430 erst und einmalig eine Kapelle im Tale (also im ummauerten Flecken) genannt, über deren genauen Standort, Alter, Patron und späteres Schicksal jedoch nichts weiter urkundlich berichtet wird. Natürlich liegt die Vermutung nahe, dass diese sich im Bereich der Unterburg befand, zumal später an anderer Stelle nie etwas von einer Kapelle berichtet wird. Zwar ist für das 16. Jahrhundert einmal die Existenz eines Heiligenhäuschens überliefert, doch lag dieses am Niedertore vor der Stadtmauer in Richtung Nahbollenbach - also nicht ,,im Tale“.

Natürlich fällt der zeitliche Zusammenhang zwischen dem Mord in der Familie der Herren von Oberstein (1328/29) und der ersten Erwähnung der Kapelle (1340) auf; da die Unterburg jedoch mit Sicherheit älter ist, kann es sich - falls wirklich ein wahrer Kern in der Sage stecken sollte - dabei nicht um die Erbauung der Felsenkirche, sondern bestenfalls um die Errichtung oder Umgestaltung einer Kapelle innerhalb dieses Baukomplexes handeln.

Der Fußboden der heutigen Felsenkirche lag früher jedenfalls erheblich tiefer (s. Bild Nr. 5 und Querschnitt Bild Nr. 8), wie sich bei der Renovierung 1927/29 zeigte. Auch eine diagonal durch das Kirchenschiff verlaufende Mauer, welche man damals fand, lässt sich mit dem heutigen Bauwerk nicht in Einklang bringen. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Tür, die am Fuße des Treppenaufgangs auf verschiedenen alten Darstellungen (s. Bild Nr. 6) und wohl noch 1927 in Umrissen im Außenputz zu sehen war (s. Bild Nr. 7). Der mittlere und obere Teil des äußerst unregelmäßigen sechseckigen Turms der Felsenkirche scheint jünger als die mächtige ca. 1,90 m dicke Schildmauer zu sein; die verhältnismäßig geringe Wandstärke deutet darauf hin.

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Bild 7: Felsenkirche 1927
Unter einem der ,,Schießschartenfenster" ist eine rundbogige Vertiefung (Tür?) erkennbar. Außerdem sieht man hier noch an der Sakristei die ursprüngliche Form eines weiteren ,,Schießscharten-Fensters", das 1928/29 umgebaut wurde vv

Fortsetzung:

Einleitung und Sage
Die Wirklichkeit
Die Vorgängerbauten
Der Umbau der Felsenkirche 1482/84 und deren Erstausstattung
Die Felsenkirche vom Ausgang des Mittelalters bis 1742
Zerstörung und Wiederaufbau der Felsenkirche 1742 - 1800
Felsstürze und Neubaupläne im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Renovierung 1927/29
Die Felsenkirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Zukunftsperspektiven der Felsenkirche

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